Logo Predigt: Herr lehr uns beten! Auch Beten will gelernt sein...



Die Predigt mit dem wahrscheinlich kürzestem Predigttext der Welt. Beten als der wichtigste "Draht nach oben". Wenn wir uns bewußt machen, daß unser Gebet nicht an der Zimmerdecke verhallt, sondern daß Gott auf unser Gebet reagiert, dann ist Gebet keine verlorene Zeit. Mehr noch: Gebet ist dann die direkte und wertvollste Verbindung zu Gott und somit das tragende Fundament für unseren Alltag.

Lukas 11, 1

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Anspiel:

Unterbrich mich nicht, Herr ich bete

Predigt

Liebe Geschwister,

zunächst möchte ich herzlich für dieses humorvolle Anspiel danken, das wir gerade eben gesehen und gehört haben. Ein Anspiel über das Vater unser, ein Anspiel über das Gebet. Viele gute Gedanken hat dieses Anspiel enthalten, viele Anregungen zum Vater Unser, über die es sich lohnen würde nachzudenken. Vermutlich ist zu den vielen guten Gedanken des Vater Unsers eine eigene Predigtreihe nötig. Deshalb möchte ich heute gar nicht unbedingt auf die Einzelinhalte des Vater Unsers eingehen, aber einen Gedanken herausgreifen. Dieser Gedanke ist ganz einfach in 4 Worte zu fassen.

"Herr, lehr uns beten" (Lk 11,1)

Herr, lehr uns beten, das ist für mich auch die Quintessenz, der Hauptgedanke des Anspieles, das wir gehört haben. Da war einer, der gebetet hat, der sein tägliches Gebet gesprochen hat und dabei von Gott überrascht wurde. Die größte Überraschung für ihn war wohl die Tatsache, daß Gott ihm wirklich zugehört hat, daß Gott das, was er als Gebet gesprochen hat, auch tatsächlich ernst genommen hat. Das war wohl sein großer Aha-Effekt und wohl die größte Lektion, die er bei diesem Gebet gelernt hat.

"Herr, lehr uns beten:" Damit habe ich uns auch schon den Predigtext des heutigen Sonntags vorgelesen. Er steht in Lk 11,1. Die Jünger kommen zu Jesus und richten an ihn diese Bitte: "Herr, lehr uns beten."

Die Jünger Jesu, die längst schon gebetet hatten und von Kind auf in Israel in der Schule des Gebets gestanden waren, baten Jesus: "Herr, lehr uns beten." Und sie taten das, nachdem sie ihn hatten beten hören und dabei wahrscheinlich merkten, wie er ganz anders betete. Wie sein Gebet ein völlig anderes war, als all das, was sie seither unter Gebet verstanden hatten. Fritz Grünzweig hat einmal gesagt: "Auch beten will gelernt sein. Die Erhörlichkeit unserer Gebete hängt weitgehend davon ab, daß wir richtig beten"

Herr, lehr uns beten oder Herr, lehr uns wieder beten. Ist das nicht auch ein Satz, der von uns stammen könnte? Ist das nicht eine Bitte an Jesus, die auch wir dringend nötig haben? Müssen nicht auch wir wieder ganz neu in die Gebetsschule Jesu gehen? Wir, damit meine ich uns alle. Ich meine uns Prediger, denn ist nicht gerade das Beten, nicht nur das Predigen oder die Gemeinde managen, unsere Aufgabe? Wir, damit meine ich euch jüngeren Leute in unserer Gemeinde, euch Jungscharler, euch Jugendkreisler. Müßte das nicht auch eure Bitte sein, wo ihr doch, wenn ihr ehrlich seid, vielleicht merkt: Das Beten ist nicht gerade meine Sache. Ich habe es schon manchmal probiert, bin selten dabei richtig glücklich damit geworden. Im Jugendkreis hat man in mancher Bibelarbeit schon darüber geredet, aber viel eigene Erfahrungen habe ich bislang noch nicht.

Wir, damit meine ich uns alle, die wir schon eine ganze Zeit unseres Lebens in der Nachfolge Jesu stehen. Es ist mir klar, und ich denke da wollen wir uns auch nichts vor machen, daß wohl viele von uns auf die Frage: "Wie steht es mit deinem Gebet?" sagen würden: Es könnte besser sein, anders sein. Es war schon einmal anders oder vielleicht sogar bei dem einen oder anderen der Satz: Im Blick auf mein Beten habe ich ständig ein schlechtes Gewissen. Ist die Bitte der Jünger: "Herr, lehr uns beten" nicht eine Bitte, die uns alle angeht? Sprechen sie uns nicht aus dem Herzen?

Es wäre schön, wenn es bei euch anders wäre, aber ich selber merke bei mir immer wieder: Beten ist ein Notstandsgebiet meines Lebens, ein Terrain, auf dem ich Entwicklungshilfe dringend nötig habe. Es scheint wirklich so, daß wir es machen wie diese Spinne, von der ich euch erzählen möchte.

Es war einmal eine Spinne. Die lebte glücklich und fröhlich in ihrem Netz. Alles war gut, bis sie einer Einladung zu einem gelehrten Vortrag bei einer großen Spinnenversammlung folgte. Aufmerksam hörte sie zu, wie der Redner sagte: Die Welt ist anders geworden, ihr müßt euch anpassen, Altes aufgeben. Ihr müßt rationalisieren. Der Vorwurf der Rückständigkeit machte die Spinne nervös. Als sie nach Hause kam, inspizierte sie umgehend ihren ganzen Betrieb. Aber kein Faden war überflüssig, jeder schien für das Geschäft dringend notwendig. Verzweifelt und dem Herzinfarkt nahe, fand die Spinne schließlich einen Faden, der senkrecht nach oben lief. Ob dieser Faden wohl zu etwas nütze war? Und sie erinnerte sich. An diesem Faden war noch nie eine Fliege hängen geblieben. Also weg damit! Die Spinne biß den Faden ab und das Netz fiel in sich zusammen. Es war der Faden, an dem das ganze Spinnennetz aufgehängt war.

Machen wir es nicht ähnlich? Wir haben unser Leben auf der horizontalen Ebene, hier in den Geschäften dieser Erde, in unseren Aufgaben und alles was wir tun, perfekt oder mehr oder weniger perfekt organisiert. Aber den Faden des Gebets, der nach oben verläuft und an dem doch unser Glaube, ja unser ganzes Leben, unsere ganze Jesusnachfolge hängt, den vernachlässigen wir, oder wir kappen ihn sogar ganz ab.

Deshalb liebe Geschwister heißt die Devise am heutigen Sonntag: Ich will beten wieder lernen oder überhaupt einmal lernen.

3 Dinge will ich wieder lernen:

Beten lernen heißt:

1. Ich muß wissen - Gott reagiert auf mein Gebet

Das ist mir an dem Anspiel vorher so deutlich geworden. Manchmal leben wir unter dem Eindruck: Beten oder nicht beten, das spielt eh keine Rolle, den beten verändert nichts, beten geht nur bis zur Decke, vielleicht auch etwas weiter, aber ganz sicher nicht bis zu den Ohren unseres Gottes. Das ist ein Trugschluß. Und unsere Beterin in dem Anspiel vorher hat das so erlebt. Eigentlich nur pflichtgemäß hat sie ihr Gebet verrichtet ohne damit zu rechnen, daß Gott es wirklich hört. Ja wundert es uns dann, wenn unter diesen Vorzeichen unser beten verarmt oder sogar abstirbt?

Vielleicht stammt unsere Ansicht, daß Gott auf unser Gebet nicht reagiert, auch aus der Erfahrung, daß wir gebetet haben und Gott nicht auf unsere Gebete so geantwortet hat, wie wir das gerne gewollt hätten. Aber selbst diese Erfahrung heißt nicht, daß Gott uns nicht zuhören würde, heißt nicht, daß er unsere Gebete nicht ernst nimmt. Nein es ist so wie in dem Anspiel: Gott hört auf all das, was wir ihm sagen. Nach wie vor gilt, was ein Psalmbeter einmal so gesagt hat:

Ps 116,1 Ich liebe den HERRN, denn er hört / die Stimme meines Flehens.

Ps 116,2 Er neigte sein Ohr zu mir; / darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.

Beten wieder lernen heißt:

2. Ich will üben mich zu konzentrieren

Von einem jüdischen Rabbi stammt folgende Geschichte:

"Ein frommer Mann stand da und betete. Da kam eine Schlange und kroch über die Füße des Andächtigen, und der unterbrach sein Gebet nicht! Seine Schüler fragten ihn: Herr, bist du es nicht gewahr geworden, daß eine Schlange dich berührt hat? Der Fromme erwiderte: Unheil komme über mich, wenn ich etwas gemerkt habe."

Von diesem frommen Mann hätte ich gerne etwas: Nur ein bißchen von seiner Disziplin beim Beten. Denn wenn wir ehrlich sind, es muß nicht einmal eine Schlange über unsere Füße kriechen, damit wir unser Gebet unterbrechen. Schon durch das läuten des Telefons, durch die Hektik, morgens aus dem Haus zu kommen, von der Lust die Morgenzeitung zu lesen oder der gute Kaffeegeruch irritiert uns, lenkt uns ab und führt nur zu gern und schnell dazu, daß wir beim Beten Amen sagen. Wie schnell lassen wir uns bei unseren Gebeten ablenken, uns auf eine andere Fährte locken.

Gebet – so ist es auch in der oben erzählten Geschichte deutlich geworden – hat in der Tat auch etwas mit Zeit und Konzentration zu tun. Dieser fromme Mann nimmt sich Zeit und egal, was jetzt passiert: Diese Zeit gehört jetzt alleine Gott. Wenn zum Gebet Zeit gehört, hilft es, wenn man sich ab und zu wirklich auch Zeit zum beten nimmt. "Wenn du betest", sagt Jesus, "zieh dich zurück in dein Kämmerlein, zieh den Telefonstecker heraus, steck dir Ohropax in die Ohren, schließ die Tür zu, mach´s Radio aus und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Beten wieder zu lernen, hat in der Tat ganz viel mit dem zu tun, daß wir diese Konzentration wieder üben.

Beten wieder lernen heißt:

3. Ich will glauben, daß Gebet nicht verlorene, sondern gewonnene Zeit ist

Helmut Thielicke hat einmal gesagt: "Nicht das Gebet, sondern die Welt ist unsere Heimat geworden." Die Welt: Die Berufssorgen, der Brief, den wir bekommen haben oder schreiben sollten, das Zerwürfnis mit dem Kollegen, die Sorge, wie es mit uns weiter geht, das Auto, das in die Reparatur muß, das Kind das krank ist, die Müdigkeit, der Streß: All das ist unsere Heimat geworden. Deshalb empfinden wir die Welt des Gebetes als eine fremde Welt.

Bei Jesus selbst war das anders. Wenn er zu den Menschen kam, dann kam er aus der Heimat des Gebetes. Was er zu den Menschen sagte, hatte er mit dem Vater zuvor besprochen. Jesus kommt aus der Heimat des Gebetes in die Fremde der Welt, wir dagegen sind in der Welt verwurzelt und schaffen es kaum, zur himmlischen Heimat durchzudringen. Hier merken wir, was uns fehlt und wie tief wir dem eigentlichen Leben entfremdet sind. Und wir hören mit Staunen, was uns von Luther überliefert ist: Er hat täglich 3-4 Stunden gebetet und aus dieser Stille, aus diesem zur Ruhe kommen ein unfaßlich großes Lebenswerk zustande gebracht. Wir dagegen vermuten eher das umgekehrte. Wir meinen die Zeit des Gebetes ist Zeit, die uns an der Tagesarbeit verloren geht, und wir können uns anscheinend heute diesen Zeitverlust nicht mehr leisten. Es ist doch gerade umgekehrt, wie unsere neuzeitliche Spekulation es meint. Je kürzer und gehetzter unser Beten wird, bis es schließlich auf die sekundenschnelle Lektüre der Losung zusammenschrumpft, um so mehr wird uns unser Gebet tatsächlich zu einer Last, weil diese Sekunden dann tatsächlich ohne Saft und Kraft sind. Gebet ist dann kein tragendes Fundament für den Tag, sondern nur verlorene Zeit und wird deshalb zur Pflichtübung.

Das ist die Ironie, mit der sich die Rationalisierung unseres Gebetslebens rächt.

Schluß:

Ich will beten wieder lernen:

1. Ich muß wissen - Gott reagiert auf mein Gebet

2. Ich will üben mich zu konzentrieren

3. Ich will glauben, daß Gebet nicht verlorenen, sondern gewonnene Zeit ist

Wir Menschen können und dürfen beten. Das ist eine einhellige Auskunft von Gottes Wort. An manchen Haus- und Gartentüren sah man früher ein Schild: "Betteln verboten!" An Gottes Tür steht ein Schild mit der Aufschrift: Zum Bitten wird herzlich eingeladen!" "Bettler sind herzlich willkommen!"

Martin Luther war es, der kurz vor seinem Tod niedergeschrieben hat: "Wir sind Bettler, das ist wahr!" und "wir haben ein gutes Haus", einen grundgütigen Gott und Herrn. Gott ist reich über alle, die ihn anrufen. Deshalb, ja deshalb will ich beten wieder lernen.

Amen

Abschluß:

Lied von Heidi Bieber: "Beten wieder lernen"