Logo Predigt: Silvester 1998/99



Predigt zur Jahreslosung 1999: Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Matthäus 28, 20

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Liebe Gemeinde, liebe Freunde,

vor drei Tagen waren wir in der Fußgängerzone in Reutlingen, weil wir noch verschiedenes zu besorgen hatten. Erstaunlich viele Menschen tummelten sich nach den Weihnachtstagen in den Geschäften und hier und dort wurden Bekannte getroffen, kam es zu einem kleinen Schwätzchen. Immer wieder hörte ich den Satz, den wir alle wahrscheinlich in den vergangenen Tagen oft gehört haben und sicherlich auch oft selber gesagt haben: "Ich wünsche Dir, ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr". Auch gegen später, wenn die Kirchenglocken läuten und die Kirchturmuhr Mitternacht schlägt, werden wir uns die Hände schütteln, vielleicht auch den einen oder anderen in den Arm nehmen und sagen: "Ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr." Nichts dagegen. Ich habe selber in diesen Tagen schon oft genug diesen Satz gesagt. Aber eigenartig, als ich da so in Reutlingen in der Fußgängerzone stand, habe ich mich gefragt: Wird sich durch diese Sätze etwas im neuen Jahr ändern? Wird das nun bald anbrechende neue Jahr besser dadurch, daß mir jemand ein gutes neues Jahr wünscht? Was haben die Neujahrswünsche beim letzten Jahreswechsel bewirkt? War es ein gutes Jahr, das 1998, und ist es besser geworden durch die Wünsche, die wir von anderen Menschen empfangen haben? Oder ist das alles eben doch nur so eine Art Höflichkeit, die eben zum Jahreswechsel dazugehört? Wir verlassen die Bank und uns tönt ein "Gutes neues Jahr" noch hintennach, wir telefonieren mit Freunden und verabschieden uns mit guten Wünschen für das neue Jahr? Vielleicht ist es da und dort nur Höflichkeit, vielleicht sind es da und dort auch ehrliche Wünsche, die wir für den anderen aussprechen. Aber, und da will ich euch einfach ein wenig ernüchtern: Für diese Wünsche können wir uns im neuen Jahr nichts kaufen und diese Wünsche werden schwierige Lebensphasen im Jahr 1999 nicht von uns abwenden. Was wir brauchen, um ins neue Jahr zu gehen, ist mehr als ein paar Wünsche. Wir brauchen verläßliches, wir brauchen nicht nur Wünsche, nein, feste Zusagen brauchen wir. Handfeste Dinge, mit denen wir rechnen können.

Eine solche handfeste Sache ist für mich die Jahreslosung, die von den Kirchen gemeinsam für das in Kürze beginnende neue Jahr 1999 ausgewählt wurde.

Es ist nach dem Matthäusevangelium der letzte Satz, den Jesus vor seiner Himmelfahrt zu seinen Jüngern gesagt hatte. Letzte Worte von Jesus. Letzte Worte haben normalerweise Bedeutung. Letzte Worte von Großeltern oder gar unseren Eltern oder von Freunden, die gestorben sind, sind erstrangige Worte. Worte, die Gewicht haben.

Und dieses letzte gewichtige Wort Jesu an uns lautet für das beginnende Jahr:

"Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt..

Ich bin immer und überall bei euch, auch wenn ihr ans Ende der Welt reisen würdet und bis zu dem Tag, an dem diese Welt ein Ende finden wird. Ich bin bei euch.

Liebe Freunde, diese Jahreslosung ist kein frommer Wunsch, auch kein höflicher Wunsch, sondern eine feste und verläßliche Zusage von Jesus. Wenn wir glauben, daß er auferstanden ist, wenn wir glauben, daß er lebt, dann dürfen wir auch glauben, daß diese Satz, diese Verheißung wahr ist. Dann dürfen wir glauben, daß er jetzt hier ist, gegenwärtig ist. "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen."

Haltet die Luft an, nehmt es wahr, macht es euch bewußt: Jesus ist jetzt da.

1. Siehe - du bist nicht allein

Seit gestern hat unser Jonas eine Bindehautentzündung. Anfangs tränten die Augen, später wurden sie dann verklebt und heute morgen, als er aufwachte, konnte unser kleiner Knopf die Augen nicht mehr öffnen. Sie waren dick verschwollen und richtig verklebt. Jonas hat nichts mehr gesehen, war für einige Stunden nahezu blind. Ihr könnt es euch sicher gut vorstellen, wie sehr er in diesen Stunden an seiner Mama oder an seinem Papa hing. Keine Sekunde wich er von unserem Arm und unserem Schoß, es ist ja für einen kleinen Buben wie ihn auch wirklich beängstigend, nichts mehr zu sehen. In den Morgenstunden, als er aufwachte, rief er: Mama, wo bist du, Mama komm her, Mama, ich brauche dich und es war für ihn unendlich wichtig, daß jemand zu ihm sagte und er es handfest spürte: "Jonas, ich bin bei dir." Vielleicht können wir die Bedeutung von dem: Ich bin bei dir tatsächlich am besten verstehen und ermessen, wenn wir uns in unsere Kinderzeit zurückversetzen. Als wir Kinder waren, wie wichtig war es für uns, daß jemand bei uns war. Wir hatten Angst vor dem allein sein. Viele von uns haben geweint, wenn Mama und Papa an einem Abend nicht da waren. Als Kinder haben wir uns alleine nicht in den Keller oder auf die Bühne getraut - es war uns unheimlich.

Jeder von uns hat als Kind Erfahrungen gemacht, in denen er sich vor dem allein sein fürchtete und Erfahrungen gemacht wie schützend, wohltuend es war, wenn jemand zu uns sagte: "Ich bin bei dir." Wir sind größer und mutiger geworden, wir haben angefangen, als Jugendliche und junge Erwachsene unsere Wege alleine zu gehen und doch bin ich davon überzeugt, daß die eine Sehnsucht in uns geblieben ist. Die Sehnsucht, daß jemand zu uns sagt: Ich bin bei dir. Ich stehe dir zu Seite. Genau das ist es aber, was Jesus und zusagt, was er uns verspricht, wenn wir nun in ein neues Jahr gehen und wohlgemerkt nicht wissen, ja sogar keine Ahnung davon haben, was persönlich, familiär oder gesellschaftlich auf uns zukommt.

Er ist da, und es ist kein Geringerer als der, der von sich selbst sagt: Mir ist gegeben alle Gewalt, im Himmel und auf Erden. Das heißt, der ist bei uns, der Macht, ja Vollmacht hat in der sichtbaren und in der unsichtbaren Welt.

Ich denke einfach, daß diese Jahreslosung zuallererst eine großartige Ermutigung sein darf und sein soll.

Im Januar, wenn es zu Hause Streit gibt und wir gekränkt und niedergeschlagen sind. Jesus ist da und er heilt die Wunden. Im März, wenn vielleicht alles schiefgeht und uns nichts mehr gelingt, wenn wir Kandidaten sind für Pleiten, Pech und Pannen.... Jesus wartet auf uns und er tröstet uns. Im Mai, wenn die Arbeit uns erdrückt und wir nicht mehr wissen, wo wir anfangen und aufhören sollen in dieser Woche. Jesus ist da, und er ist treu. Er mißt uns nicht nach unserer Leistung, sondern nach seiner Liebe. Im Juni, wenn Finanz- oder Krankheitsprobleme uns verzweifeln lassen, ist bei aller Not der Nothelfer gegenwärtig. Im Juli, wenn wir an Enttäuschung und Einsamkeit krank geworden sind, ist Gott als guter Freund nahe bei uns. Im August, wenn wir frei haben, aber doch nicht frei sind, sondern gebunden an törichte Dinge und Mist bauen, der uns Tage später schon wieder leid tut: Jesu Vergebung ist da. Im Oktober, wenn wir Freude und Großes erwarten und alles ganz anders ist, hat Gott ein gutes Wort für uns und richtet uns auf.

Als Glaubende, sind wir keine Phantasten, keine Menschen, die nur Wunschträumen nachhängen, sondern Realisten, die mit der unverbrüchlichen Treue Gottes leben.

Siehe, ich bin bei euch alle Tage. Alle Tage, ob nicht genau darauf eine Betonung liegt!! An Tagen, an denen wir Erfolg haben uns alles gelingt und flutsch, unser Herz vor Freude höher schlägt, ist er bei uns. Bei uns genauso wie an den Tagen, von denen wir sagen. Sie gefallen uns nicht, sie sind oder waren nicht schön.

Er ist bei uns. Ist das nicht ein starker Trost? Ist das nicht eine große Ermutigung? Kann man da nicht frohen Herzens und voller Zuversicht in das neue Jahr marschieren und unseren Mitmenschen ein begründetes, ein in Jesu Gegenwart verankertes gutes neues Jahr wünschen?

2. Siehe - Gott gibt uns eine Aufgabe

Nun haben aber Jahreslosungen manchmal auch ein kleines Handicap. Oft sind sie aus dem biblischen Zusammenhang herausgerissen und werden deshalb oft auf einseitig interpretiert und ausgelegt.

So wollen wir uns die Mühe nicht ersparen, auch einmal nachzusehen, in welchem Zusammenhang Jesus das gesagt hat. Und da lesen wir dann in Mt 28,18-20

Mt 28,18    Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

Mt 28,19    Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes

Mt 28,20    und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Das alles also gehört zu den letzten Worten Jesu an seine Jünger. Unsere Jahreslosung ist eingebettet in das, was man den Missionsbefehl Jesu nennt.

Die großartige Zusage, die großartige Verheißung haben wir bereits gespürt. Mir ist gegeben alle Gewalt, im Himmel und auf Erden und ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.

Auch den Auftrag, den uns Jesus hinterlassen hat, auch diesen Auftrag wollen wir neu spüren, wenn wir nun bald in ein neues Jahr gehen.

Gehet hin, so beauftragt Jesus seine Jünger. Gehet hin und gewinnt Menschen dafür, Nachfolger, Jünger, Jesu zu sein.

Damit wird uns für das neue Jahr etwas klar gesagt. Gemeinde Jesu kann keine sitzende Gemeinde sein. Wir verpassen und wir verfehlen unseren Auftrag im alten und im neuen Jahr, wenn wir nur hier sitzen und warten, ob vielleicht ein Mensch ein Jünger Jesu werden will. So hat Jesus das für seine Gemeinde nicht bestimmt. Er hatte im Sinn, daß seine Gemeinde keine sitzende, sondern eine gehende Gemeinde ist. Eine Gemeinde, die hingeht zu Menschen, um sie mit dem Evangelium bekannt zu machen. Uns allen ist klar, daß dies nicht nur ein Auftrag für Missionare oder andere Spezialisten im Reich Gottes ist. Uns allen ist klar, daß uns alle das angeht.

Doch wie schnell wird man darin müde? Wie schnell ist eine Gemeinde auch mit sich selbst zufrieden? Wie schnell fühlt man sich wohl in den Reihen derer, die so oder so zu einer Gemeinde gehören?

An einer gefährlichen Küste befand sich vor Zeiten eine kleine armselige Rettungsstation. Die Küste war von vielen Schiffen zum Verhängnis geworden. Deshalb hatte sich eine Handvoll Freiwilliger hier eine kleine Hütte gebaut, um den Wachdienst zu versehen. Zu dieser Rettungsstation gehörte nur ein einziges Boot. Mit diesem wagte sich die kleine mutige Mannschaft immer wieder, bei Tag und bei Nacht, auf das Meer hinaus, um die Schiffbrüchigen zu retten.

Es dauerte nicht lange, daß dieser kleine Stützpunkt bald überall bekannt wurde. Viele der Erretteten und auch andere Leute aus der Umgebung waren gern bereit, die armselige Station mit Geld zu unterstützen. Die Zahl der Gönner wuchs. So konnte man sich neue Boote kaufen und neue Mannschaften schulen.

Mit der Zeit gefiel den Gönnern die kleine ärmliche Hütte nicht mehr. Die Geretteten, sagte man, benötigten doch einen etwas komfortableren Ort als erste Zufluchtsstätte. Deshalb beschloß man, die provisorischen Lagerstätten durch richtige Betten zu ersetzen. Man erweiterte das Gebäude und stattete alle Räume mit schöneren Möbeln aus. Auf diese Weise wurde die Rettungsstation allmählich zu einem beliebten Aufenthaltsort. Die Station diente den Männern als Clubhaus, in dem man gesellig beieinander sein kannte.

Gleichzeitig geschah aber auch etwas sehr Verständliches: Immer weniger Freiwillige waren bereit, mit auf Bergungsfahrt zu gehen. Was tat man? Man heuerte für die Rettungsboote eine eigene Besatzung an. Immerhin schmückte das Wappen des Seenotdienstes noch überall die Räume, und von der Decke des Zimmers, indem gewöhnlich der Einstand eines neuen Clubmitgliedes gefeiert wurde, hing das Modell eines großen Rettungsbootes.

Und nun passierte folgendes: Vor der Küste scheiterte ein großes Schiff, und die angeheuerten Seeleute kehrten mit ganzen Bootsladungen Frierender und Halbertrunkener zurück. Unter ihnen befanden sich Schwarze und Orientale. In dem schönen Clubhaus entstand Chaos. Das Verwaltungskomitee ließ deshalb gleich danach Duschkabinen im Freien errichten, damit man die Schiffbrüchigen vor Betreten des Clubhauses gründlich säubern könne.

Bei der nächsten Versammlung gab es eine Auseinandersetzung unter den Mitgliedern. Die meisten wollten den Rettungsdienst einstellen, weil er unangenehm und dem normalen Clubbetrieb hinderlich sei. Einige jedoch vertraten den Standpunkt, daß Lebensrettung die vorrangige Aufgabe sei und daß man sich auch noch als Lebensrettungsstation bezeichne. Sie wurden schnell überstimmt. Man sagte ihnen: Sie könnten ja auch woanders ihre eigene Rettungsstation aufmachen, wenn ihnen das Leben all dieser angetriebenen schiffbrüchigen Typen so wichtig sei.

Das taten sie dann auch. Sie fingen ganz von vorne an mit einer kleinen erbärmlichen Hütte. Ihr guter Ruf aber verbreitete sich sehr schnell. Es gab neue Gönner, und es entstand ein neues Clubhaus - usw. usw. Die neue Station wandelte sich genauso wie die erste. Und so kam es dann schließlich zur Gründung einer dritten Rettungsstation. Doch auch hier wiederholte sich die alte Geschichte. Zuerst gab es wieder nur eine kleine erbärmliche Hütte. Aber der gute Ruf verbreitete sich schnell; es gab Gönner; es wurde ein Clubhaus gebaut usw. usw. Wenn man heute diese Küste besucht, findet man längs der Uferstraße eine beträchtliche Reihe exklusiver Clubs. Immer noch wird die Küste vielen Schiffen zum Verhängnis.

Was sind unsere Kirchen: Clubhäuser für geistlich gestrandete oder Rettungsstationen für Verlorene?

Denn Sinn der Geschichte haben wir verstanden.

Liebe Freunde, es gibt Augenblicke, in denen ich ahne, daß im Blick auf diesen Auftrag Jesu, im Blick auf dieses "Gehet hin" noch mehr drin wäre, daß wir da hinein mehr investieren könnten und mehr investieren sollten und das Angebot des Evangeliums nicht ausgeschlagen wird.

So ist mir die Jahreslosung gemeinsam und persönlich eine große Zusage, Ermutigung und Verheißung. Uns allen aber soll sie auch zum Ansporn werden. Den Auftrag Jesu: "Gehet hin..." im neuen Jahr neu ins Auge zu fassen Hier besonders, aber auch in allen anderen Situationen des neuen Jahres gilt:

"Siehe, ich bin bei euch."

Amen