
  |
Liebe Freunde,
Wie Gemeinde Jesu heute auszusehen hat und was für Gemeinde Jesu
heute wichtig ist, darüber gibt es viele Ansichten. Das was gestern
gegolten hat, scheint heute nicht mehr brauchbar zu sein. Viele
sagen, daß die Zeit der Großevangelisationen vorbei ist. Es gibt
Gemeinden, die wachsen und Gemeinden die schrumpfen und wiederum
gibt es unterschiedliche Empfehlungen, warum Gemeinden wachsen
oder schrumpfen.
Da gibt es Gemeinden, die der Ansicht sind, durch eine äußere
freundliche Atmosphäre, durch ein tolles neues Gebäude ließe es
sich machen, daß Gemeinde wächst und attraktiv ist. Man sucht das
Heil in der Größe.
Andere verordnen ihren Gemeindegliedern ein stärkeres Engagement
und meinen, wenn jeder sich nur kräftig ins Zeug legt, läßt sich
Gemeinde schon bauen.
Und dann gibt es wieder andere, die meinen, man müsse vor allem
die Bibel richtig auslegen und die biblischen Wahrheiten verkündigen,
dann wird das Wort Gottes schon nicht leer zurückkommen. Diesen
Gemeinden versucht man dadurch neues Leben einzuimpfen, daß in
ihnen gesund und handfest gelehrt wird.
Andere betonen, daß die Arbeit in kleinen Zellen wesentlich sinnvoller
und effektiver sei und gründen Gesprächsgruppen, die vor allem
durch Offenheit zueinander geprägt sind. Aber an manchen Orten
verkümmern solche Gesprächskreise zu Plauderstündchen, in denen
es immer weniger um die Bibel geht, sondern wo eben jeder seine
Meinungen, Nöte und Erfahrungen einbringt, man sich aber schon
nach kurzer Zeit im Kreis der eigenen Sorgen dreht.
Es gibt so viele Alternativen und auch wenn ich das nun etwas
karikiert gesagt habe, so möchte ich diese Alternativen nicht schlecht
machen. Sie haben alle etwas Richtiges und deshalb auch etwas Wichtiges
an sich und jede Alternative hat ihre starken Seiten und ihre Schattenseiten.
Wahrscheinlich hat auch jeder von uns seine Vorstellungen, wie
Gemeindearbeit aussehen sollte und müßte. Doch in einem sollten
wir uns einig sein. In unseren Gemeinden oder noch deutlicher:
In unserer Gemeinde geht es um Menschen. Unser erstrangiges gemeinsames
Ziel muß es sein, in Gemeinschaft mit Gott und mit anderen Menschen
zu leben. Alles, was wir in einer Gemeinde tun, soll dazu führen,
daß Menschen näher zu Gott und zueinander gebracht werden. Und
da gilt: Jeder Christ, ganz unabhängig von seinen Gaben oder seiner
Ausbildung ist dazu aufgerufen, seine Brüder und seine Schwestern
zu ermutigen. Ermutigung, das wissen wir, ist mehr, als sich gegenseitig
ein bißchen auf die Schulter zu klopfen. Wenn wir als Familie Gottes
beieinander sind, dann sollten wir einander Mut machen, dann sollten
wir Dinge sagen und tun, die im anderen den Wunsch wecken, Christus
noch besser kennenzulernen und in eine noch engere Beziehung zu
ihm und zum Nächsten zu treten. Wir müssen die Muskeln der Beziehungen
innerhalb der Gemeinde gebrauchen, sonst verkümmern sie uns und
der ganze Körper wird steif. Die Frage der Beziehungen innerhalb
der Gemeinde nimmt eine Schlüsselfunktion ein, wenn es um das Wohl
jedes Einzelnen, wenn es um das Wachstum im Glauben, ja, wenn es
um die ganze Gemeinde geht.
Weil ich das für als ein so außerordentlich wichtiges Thema halte,
möchte ich an drei Sonntagen über Beziehungen sprechen. Über die
Beziehungen, die wir in der Gemeinde Jesu haben.
Heute geht es zunächst einmal um die gegenseitige Ermutigung.
Am nächsten Sonntag um unseren tiefsten Schaden - die Selbstzentriertheit
und am 31. Januar möchte ich über eine von Beziehungen geprägte
Evangelisation sprechen.
Jesu selber hat einmal gesagt, wie wichtig es ist, daß die Beziehungen
in der Gemeinde untereinander stimmen. Ich lese uns dazu Johannes
13,34 - 35:
Joh 13,34 Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr
euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch
ihr einander lieb habt.
Joh 13,35 Daran wird jedermann erkennen, daß ihr
meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.
An diesem Wort ist sehr viel dran, und ich denke, wir müßten es
wieder neu als Schlüsselwort für die Gemeinde Jesu entdecken.
Zu Beginn meines Dienstes in Eichstetten ist mir ein Erlebnis
unvergeßlich geblieben. Es war mein Antrittsbesuch bei unserem
Bürgermeister Gerhard Kiechle, damals noch in der Zehntscheuer,
weil das Rathaus gerade umgebaut wurde. Wir kamen ins Gespräch.
Herr Kiechle schilderte mir die Pläne der Gemeinde bezüglich des
Schwanenhofes und der Bürgergemeinschaft. Dann kamen wir auf die
Gemeinde hier im Altweg zu sprechen und auf den Ausbau der Predigerswohnung
oberhalb des Saales in der Evangelischen Gemeinschaft. In diesem
Zusammenhang sagte Herr Kiechle einen Satz, der mir bis heute geblieben
ist. "Es hat mich sehr beeindruckt, wie die Gemeinschaft oben
im Altweg in den letzten Monaten zusammengehalten und zusammengeholfen
hat, um diese Wohnung auszubauen. Wenn ich vorbeigefahren bin habe
ich den Eindruck gewonnen, daß da viele Hände zusammenhelfen, daß an
einem Strang gezogen wurde" (Zitat Ende)
Da ist etwas im Dorf wahrgenommen worden, deutlich geworden was
euch selbst vielleicht gar nicht so bewußt war. Ist das nicht eine
eindrückliche Illustration des Jesuswortes: Daran wird jedermann
erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander
habt?
Was Jesus hier sagt ist die Ordnung des neuen Bundes , das Gebot
der Gemeinde und deshalb auch das Gebot der Stunde. Mit diesem
Wort regelt Jesus die innere Struktur einer Gemeinde.
Und im Mittelpunkt dieser Struktur, die in der Gemeinde gelten
soll, steht das Gebot der Liebe, das Gebot der guten Beziehungen
untereinander.
Die Gemeinde Jesu, in der so ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen,
zusammen leben und zusammen arbeiten sind wie die Zahnräder einer
Maschine. Wie die Zahnräder einer Maschine, so greift das Leben
der Jünger ineinander. Und gerade dann, wenn es hier auch manchmal
heiß hergeht, braucht man ein Schmiermittel, man braucht ein Öl
und dieses Öl heißt für das Getriebe der Gemeinde: "Die Liebe"
Der Maßstab für unsere Liebe untereinander ist die Liebe, die
Jesus zu uns hat. Kurz zuvor berichtet uns Johannes die Fußwaschung,
in der Jesus es vorgemacht hat, einander zu lieben. So sollt ihr
euch untereinander lieben, wie ich euch geliebt habe, sagt Jesus
und macht damit deutlich, daß es in Sachen der Liebe eine unumkehrbare
Reihenfolge gibt. Diese Reihenfolge lautet: Jesu Liebe empfange
und dann Jesu Liebe weitergeben.
So weit so denke ich haben wir verstanden, was Jesus gemeint hat.
Nun wissen wir aber alle, daß es gar nicht so einfach ist, einander
zu lieben und selbst wenn wir es wollen, wissen manchmal nicht,
wie wir es anstellen sollen. Wie leben wir in der Gemeinde die
Kultur der Liebe, der guten Beziehungen? Wie praktizieren wir das,
was ich vorher Ermutigung genannt habe? Wie verwirklichen wir es,
was ich vorher als das unumstößliche Ziel des Gemeinde bezeichnet
habe, Menschen mit Christus und miteinander in Beziehung zu bringen?
Ich denke es beginnt bei den Worten, die wir füreinander haben.
Worte haben in unserem Leben eine riesengroße Auswirkung. Das ist
keine Erfindung der modernen Psychologie, das haben schon die Schreiber
der Sprüche gewußt. Hören wir einmal, was sie gesagt haben.
Spr 18,21 Tod und Leben stehen in der Zunge
Gewalt
Spr 12,25 Sorge im Herzen bedrückt den Menschen;
aber ein freundliches Wort erfreut ihn.
Spr 16,24 Freundliche Reden ... trösten die
Seele und erfrischen die Gebeine.
Spr 25,11 Ein Wort, geredet zu rechter Zeit,
ist wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen.
Worte sind wichtig und sie haben eine Macht. Worte haben sowohl
die Fähigkeit, großen Schaden anzurichten wie auch Gutes zu tun.
Stellt euch einmal einen Sportplatz vor, auf dem Kinder und Jugendliche
ein 3000m Rennen bestreiten und Väter und Mütter an der Schlußgeraden
stehen. Was rufen dort Eltern ihren Kindern zu? Komm schon Junge!
Nur noch ein paar Meter! Los! Los! Hoch die Beine, du schaffst
es und bei allen Läufern mobilisieren solche Worte noch einmal
die letzten Kräfte. Nie habe ich es bislang erlebt, daß ein Vater
seinem Sohn auf der Zielgeraden zugerufen hat: Du siehst aber müde
aus, willst du nicht lieber aufhören? Du wirst sowieso zu den Letzten
gehören. Solche Worte würden demotivieren und zerstören. Spüren
wir, ahnen wir, welche Kraft ein rechtes Wort zur rechten Zeit
hat? Es gibt dreierlei Arten von Worten, die wir uns sagen:
1. Seichte Worte
Ein junger Mann besucht zum erstenmal den Gottesdienst einer Gemeinde.
Er wurde freundlich begrüßt und nach dem Gottesdienst kamen auch
einige Menschen auf ihn zu Einige sagten ihm: "Vielleicht
können sie ja einmal zum Essen zu uns kommen." Der junge Mann
freute sich. Während der nächsten Woche wartete er gespannt auf
Telefonanrufe. Aber das Telefon klingelte nicht. Nicht in dieser
Woche und nicht in den nächsten Wochen, weil es nur seichte Worte
waren, die gesprochen wurden. Wie viele unserer Höflichkeitsfloskeln: "Schön
dich zu sehen" oder "Wir sollten uns unbedingt wieder
einmal treffen" sind nur eine freundliche, verbrämte Art zu
sagen: "Bitte laß mich möglichst in Ruhe." Wie viele
Floskeln sagen wir und meinen eigentlich etwas ganz anderes? Seichte
Worte ermutigen nicht und seichte Worte haben deshalb auch in einer
Gemeinde keinen Platz. An ihnen erkennt die Welt allenfalls Gleichgültigkeit
nicht aber Liebe.
2. Todbringende Worte
Neben den siechten Worten gibt es auch die todbringenden Worte.
Ein Vater, der sehr erfolgreich ein Geschäft aufgebaut hatte, sagte
einmal zu seinem Sohn: "Junge, wenn du den Betrieb erbst,
wirst du ihn bestimmt ruinieren". Als der Vater starb, stürzte
sich der Mann in seine Arbeit, machte unzählige Überstunden nur
um zu beweisen, daß die Vorhersage falsch war. Und der Druck, nicht
versagen zu dürfen, der unbarmherzig auf ihm lastete, wurde mit
Alkohol gelindert. Solche todbringenden Worte kann es auch in der
Gemeinde geben. Ich erinnere mich einmal, daß in einer Gemeinde
ein junger Mann Vertretung in der Jungschar gemacht hat. Der Vater
eines Jungscharlers, sollte sich dann einige Tage später bei ihm
erkundigt haben, wann denn der Hauptjungscharleiter wieder aus
dem Urlaub zurückkommt. ich bin mir sicher. Dieser junge Mann wird
nur noch sehr schwer für eine Mitarbeit zu motivieren sein.
3. Lebenspendende Worte
Aber es gibt nicht nur seichte und todbringende Worte, es gibt
auch lebenspendende Worte. Der amerikanische Seelsorger Lawrence
Crabb schrieb einmal in einem seiner Bücher, wie er zum erstenmal
in einem Abendmahlsgottesdienst mithelfen und dabei auch ein Gebet
sprechen sollte. Als junger Mann war er so unendlich nervös und
aufgeregt, daß sein Herz weniger mit Anbetung, sondern mit viel
viel Nervosität erfüllt war. Seine Theologie geriet bei diesem
Gebet so durcheinander, daß es fast gar ketzerisch wurde. Er dankte
dem himmlischen Vater, daß er am Kreuz hing und rühmte Christus,
daß er den Heiligen Geist siegreich aus dem Grabe hatte auferstehen
lassen. Er stotterte sich durch das ganze Gebet durch, bis er sich
schließlich irgendwann auf das Wort "Amen" besann. Dann
setzte er sich und schwor sich innerlich, nie wieder vor einer
Gruppe zu beten oder öffentlich zu sprechen. Nach dem Gottesdienst,
verließ er so schnell als er konnte den Raum. Doch ein älterer
Mann war noch schneller. Er sagte zu ihm: "Larry, eins sollst
du wissen. Ganz gleich, was du für Gott tun willst, ich stehe 100
prozentig hinter dir". Dann drehte er sich um und ging. Das
waren Worte des Lebens, sie hatten Kraft und reichten bis tief
in das Herz dieses jungen Mannes.
Gott möchte, daß wir mit unseren Worten den Bruder, die Schwester
ermutigen. Ein rechtes Wort zu rechten Zeit kann den Läufer antreiben,
das Rennen zu Ende zu laufen, im Glauben treu zu bleiben, kann
Hoffnung aufleben lassen, wo Verzweiflung Fuß gefaßt hat.
Paulus sagt es so:
Eph 4,29 Laßt kein faules Geschwätz aus eurem
Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig
ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.
Bei der Olympiade der Behinderten in den USA vor einigen Jahren
bewegte die wenigen Zuschauer vor allem der 400-m-Endlauf der Männer.
Acht Behinderte laufen los. Sie laufen nicht elegant, aber sie
laufen, jeder mit einem anderen Handicap. Das sieht nicht so schön
aus, und mancher wendet sich erschrocken ab. Doch dann schauen
wieder alle hin, als kurz vor dem Ziel der führende Läufer stürzt.
Der zweite rennt nicht vorbei, um sich den Sieg zu sichern. Er
läuft zu dem Gestürzten, richtet ihn mühsam auf, greift unter seine
Arme, schleppt ihn mit sich, und zu zweit humpeln sie weiter. Da
kommen die anderen auch schon heran, aber auch sie laufen nun nicht
an den beiden vorbei, sondern auf sie zu. Alle greifen sich unter
die Arme, den Gestürzten haben sie in der Mitte, und so laufen
und schleppen sie sich gemeinsam ins Ziel.
Unsere Gemeinden sind ähnlich. Vieles läuft nicht so elegant und
schneidig, mehr gebrochen und behindert, oft erbärmlich anzuschauen
und eher kümmerlich. Aber der Glanz und die Schönheit unserer Gemeinden
liegt gar nicht in unserem Können, unserer Eleganz und Kompetenz,
unserer Superform und bestechenden Cleveres, sondern darin, daß wir
Gestürzte aufheben und Behinderte annehmen und Schwache tragen
und einander helfen und lieben. In der Gemeinde Jesu kommt es nicht
darauf an, daß einer der Beste und der strahlende Sieger ist, sondern
daß alle, auch die Schwachen und Kleinen, gemeinsam das Ziel erreichen.
Der eigentliche Glanz der Gemeinde ist ihre Liebe.
Joh 13,34-35 Ein neues Gebot gebe ich euch,
daß ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit
auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, daß ihr
meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.
Amen |