Logo Predigt: Maria und Martha



Während Martha als tüchtige Hausfrau und Gastgeberin Jesus und seine Jünger in ihrem Haus als Gäste willkommen heißt und dadurch allerlei zu tun hat, setzt sich Maria zu Jesus und hört ihm zu. Als Martha daraufhin ärgerlich reagiert, stellt Jesus klar: Man muß sich erst von Jesus dienen lassen, bevor man dienen kann. Man muß erst auf Gottes Wort hören, bevor man zur Tat schreiten kann. Geistliches Leben beginnt mit Hören und Glauben, nicht mit dem Tun.

Lukas 10, 28-42

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Liebe Gemeinde,

Sicherlich nicht zum erstenmal haben wir soeben die Geschichte der Martha und der Maria gehört und wahrscheinlich fällt es uns schwer, von den Gedanken loszukommen, die wir schon immer bei dieser Geschichte hatten, fällt es uns schwer, diese Geschichte am heutigen Sonntag ganz neu zu hören. Ich weiß nicht, welche von diesen beiden Frauen sie sympathischer finden. Ich weiß nicht, für welche dieser beiden Frauen sie Partei ergreifen würden, wenn sie heute morgen uns diese Geschichte von damals persönlich erzählen könnten. Schlägt ihr Herz für die tatkräftige, entschlossene, praktisch veranlagte Martha oder liegt die nicht so pflichtbewußte, mehr auf innere Werte achtende Maria eher auf ihrer Wellenlänge?

Die Szene ist ja anschaulich genug, so daß wir sie uns sicherlich lebhaft vorstellen können. Da war Jesus mit seinen Jüngern im Lande unterwegs. Er kam nach Bethanien, dem Wohnort dieser beiden Frauen, die entweder ledig oder verwitwet waren und auch ihren Bruder Lazarus mit in ihr Haus aufgenommen hatten. Bethanien, war nur wenige Kilometer von Jerusalem entfernt.
Jesus kam in diesen Ort, suchte Unterkunft und Bleibe für sich und seine Jünger, waren sie doch selber quasi mittellos und auf solche Hilfe angewiesen. Da war es dann die Martha, die Jesus und seine Jünger in ihr Haus aufnahm. Martha, ihr Name heißt übersetzt ins deutsche "Herrin" und eine Herrin war sie auch. Wenn wir diese Stelle im Lukasevangelium und dann auch Johannes 11, wo uns diese Familie erneut begegnet recht verstehen, muß Martha es gewesen sein, die das Haus geleitet hat. Martha war überaus tatkräftig, zuverlässig und bestimmt auch nicht ganz unvermögend, sonst hätte sie es sich nicht leisten können, Jesus und seine Jünger, also mindestens 13 Personen gastlich in ihr Haus aufzunehmen. Martha handelte damit mutig, denn es war damals nicht üblich, daß Männer, zu Gast bei unverheirateten oder verwitweten Frauen warne. Wer solche Gäste, dazu noch so einen besonderen Gast wie Jesus es war in sein Haus aufnimmt, muß sich auch um sie kümmern. Da mußten Speisen und Getränke her. Diesmal hatte Jesus nicht für die wunderbare Brotvermehrung gesorgt. Und Wasser hatte er auch nicht zu Wein verwandelt, wie damals auf der Hochzeit in Kana in Galiläa. Nein, diesmal mußte Martha als Hausfrau für alles Sorgen, darüber hinaus noch den Raum mit Polstern richten, unter Umständen auch den Gästen bei ihrer Ankunft die Füße waschen. Ganz schön viel Arbeit und Martha, diese gute Gastgeberin kam ordentlich ins Schwitzen.
Martha die Dienerin, darf wohl mit gutem Recht als die erste Diakonin des Neuen Testamentes bezeichnet werden. Und ich denke, daß sie diese Aufgabe nicht ungern getan hat. Ich denke sie war in ihrem Element und zuallererst muß ihr einmal unsere Hochachtung gelten, so wie wir vor allen Frauen Hochachtung haben sollten, die jahraus jahrein ohne viel Wirbel zu machen den Haushalt, den Garten, die Kinder und darüber hinaus noch vieles mehr am laufen halten und diese Aufgabe mit Bravour gemeistert haben und auch heute noch meistern.

Diese Martha hatte eine Schwester, die Maria, eine Ableitung des damals in Israel weit verbreiteten Namens Mirjam, der Schwester des Mose. Maria vernachlässigte ihre Pflichten im Haushalt und Lukas berichtet uns, daß sie sich müßig zu Jesu Füßen niederließ und zuhörte was dieser Mann erzählte und lehrte.
Was Maria tat war noch ungewöhnlicher als das, was Martha tat. Als Frau bei den Männern zu sitzen und zuzuhören, das war im Grunde genommen revolutionär. Jüdische Rabbiner hatten damals nur Männer in ihren Schulen. Was ihm Haus der Martha geschah war sowohl aus Sicht der Maria als auch aus der Sicht Jesu ungewöhnlich. Aber so war Jesus eben. Menschen waren ihm wichtiger als Gebote und Regeln des guten Anstandes.

Sehr gut kann ich es auch verstehen, daß Martha ungehalten darüber wird, daß sie sich abmüht, während Maria zu Jesu Füßen sich den höheren Dingen, dem Wort Gottes widmet. Und ich höre, wie Martha innerlich grollt: Diese besonders Frommen. Wollen fromm sein, laufen ständig unter Gottes Wort, beten ständig, aber vernachlässigen das Nötigste, das Natürlichste das Normalste auf der Welt. Und nicht nur auf Maria war sie ärgerlich, sondern auch auf Jesus selbst, der Maria nicht einmal an ihre Pflicht, an ihre Aufgaben, an die Nächstenliebe erinnert.

Fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester allein dienen läßt, sagt sie zu Jesus, und wir spüren den Vorwurf in ihrem Ton. Jesus, läßt dich das den völlig kalt?

Ich weiß nicht, was wir geantwortet hätten, wenn wir an Jesu Stelle gewesen wären.
Die Antwort Jesu finde ich auf alle Fälle erstaunlich genug.

Martha, Martha, so beginnt er das, was er Martha sagen möchte und in dieser zweifachen Namensnennung spüren wir eine seelsorgerliche Haltung von Jesus, ein ernst und wahrnehmen der Martha, wie wir überhaupt sagen müssen, daß Jesus Martha nie verachtet hatte. In Joh 11, 5 lesen wir sogar, daß Jesus Martha und ihre Schwester und ihren Bruder Lazarus lieb hatte.

Martha, Martha, du hast viel Sorge und Unruhe, du machst viel Action, würden wir heute sagen, du hältst viele Töpfe auf dem Herd am kochen.... eins aber ist Not.

Eindrücklich diese Gegenüberstellung Jesu. Martha hat viel Sorge und Unruhe . Eins aber ist not. Auf etwas kommt es an. Jesus stellt dem Vielerlei im Leben der Martha das eine gegenüber auf das es wirklich ankommt. Die Vieles Haltung der Martha und die Eines Haltung der Maria, was für ein starker Gegensatz. Das Eine ist nach dem Urteil Jesu wichtiger, als die vielen Dinge, die Martha tut. Und dieses eine besteht im Hören auf das Wort Gottes.
Aus dem Hören kommt der Glaube und aus dem Glauben erst das Tun, sagt Paulus später im Römerbrief.
Was Jesus hier aufrichtet, ist eine Priorität des Wortes vor der Tat und was er hier lehrt ist kein Ausrutscher in seiner Lehre, sondern hat Jesus an vielen anderen Stellen auch bezeugt. Am deutlichsten in dem Wort aus Matthäus 6,33:
Mt 6,33    Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Alles andere, damit meint Jesus eben diese Dinge, für die Martha gesorgt hat, das Essen und das Trinken, die Dinge des täglichen Lebens.

Eins aber ist not, auf eines kommt es an.
geht uns bei diesen Worten Jesu nicht das Messer in der Hosentasche auf? Ist da nicht energisch zu protestieren? Ist denn die tatkräftige Hilfe das anpacken wo Not ist nicht wichtiger, nicht viel mehr wert als alle frommen Worte? Sollen denn wirklich die recht behalten, die in Gottesdienste und Bibelstunden, in Hauskreise und Gebetsstunden Müssen wir da nicht lautstark protestieren und sagen: Die Nöte schreien zum Himmel, was soll das fromme Getue, laßt uns anpacken, etwas schaffen, laßt uns die Welt besser machen und Nächstenliebe verbreiten?
Nein, wir müssen nicht aufschreien und nein, wir müssen nicht protestieren. Jesus hat das so geordnet, Jesus hat Prioritäten gesetzt und diese Prioritäten hatte Maria zu ihrer Zeit erkannt. Eins aber ist Not, das Hören auf Gottes Wort, das Stille werden zu den Füßen des Meisters. Man muß sich erst von Jesus dienen lassen, bevor man dienen kann. Man muß erst auf Gottes Wort hören, bevor man zur Tat schreiten kann. Geistliches Leben beginnt mit Hören und Glauben, nicht mit dem Tun.
Das wollen wir einmal in aller Deutlichkeit heute morgen festhalten.

Ja ist denn das Andere, das Tun denn schlecht, mag jemand einwenden? Oh ein, es ist nicht schlecht und wir würden diesen Text falsch verstehen, wenn wir die praktische Nächstenliebe ablehnen würden. Lukas hat dieser Geschichte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter vorangestellt und darin sehr wohl deutlich gemacht, daß die tätige Liebe christlichem Denken und Handeln entspricht.
Nein, das tun ist nicht falsch, aber wie so oft im Leben ist eben das Gute der Feind des Besten. Wo wir wie Martha nur noch in den Aufgaben unseres Lebens umherwirbeln bringen wir uns um die Quelle unserer inneren Kraft und kommen bald an den Punkt, wo wir innerlich leer, ausgelaugt, neidisch, ja vielleicht sogar bitter werden.

Und geschieht gerade das nicht immer wieder unter uns? Ist nicht gerade das der Alltag einer Gemeinde?
Wie viele opfern sich auf für christliche Kreise und Gruppen, für Kirche und Gemeinschaft und ärgern sich darüber, daß sie sich engagieren und andere auf der faulen Haut liegen. Nun zu einem guten Teil ist dieser Ärger auch berechtigt, weil es in Gemeinden, wie auch in allen anderen Vereinen gerade so ist, daß sich manche aufopfern und andere sich bedienen lassen. da wäre ein Ausgleich tatsächlich dringend gefragt. Aber gerade diesen Marthas, denjenigen, die sich da aufopfern muß das eine gesagt werden. Vergeßt eure Seele nicht, versäumt es nicht an der Quelle die Jesus heißt, in der Stille vor Gott immer wieder Kraft zu schöpfen.

Nicht war, ein Stück weit ist uns diese Geschichte unangenehm. Diese Botschaft ist uns unangenehm weil wohl viele unter uns, vielleicht gerade auch die Eichstetter, die ja als schaffige Leute bekannt sind, gerner in die Hände spucken und etwas anpacken, etwas schaffen und arbeiten, von dem man auch etwas sieht. Das Still werden vor Jesus, die Andacht am Morgen, das Gebet am Abend, das ruhen zu Jesu Füßen, es fällt uns oft schwerer als die praktische Arbeit. Und doch wollen wir es lernen in unserem Leben die Prioritäten zu ordnen. So zu ordnen, wie Jesus es uns heute morgen gelehrt hat.

Bei den Olympischen Spielen im Jahr 1924 in Paris gewann ganz sensationell und völlig überraschend Eric Lydell den 400 m Lauf der Männer in einer sensationellen Zeit. Eric Lydell, ein Theologiestudent aus Schottland war bislang ein unbeschriebenes Blatt, völlig unbekannt. Aber er gewann diesen 400 m Lauf in neuer Weltrekordzeit von 47,6 sek und sofort schickten die Telegraphen den bislang noch unbekannten Namen in alle Welt hinaus. Eric Lydell war der Held dieser Olympiade und jeder erwartete, daß Eric Lydell auch den 100m Lauf der Männer gewinnen würde. Doch der 100 m Endlauf fand an einem Sonntag statt und Eric Lydell weigerte sich standhaft, an diesem Tag zu starten. Denn an diese Sonntag stand er auf der Kanzel der kleinen angelsächsischen Gemeinde in Paris. Zu seiner bestürzten Umgebung sagte er: Meine Herren, heutzutage ist es gut, eine feste Überzeugung zu haben.
Ein Jahr später ging dieser Weltrekordmann als Missionar nach China.

Eric Lydell hatte Prinzipien und Überzeugungen. Zu diesen Prinzipien gehörte für ihn, daß er am Sonntag den Gottesdienst besucht, daß er sich von nichts und niemanden abbringen ließ, Zeit zu haben, um zu Jesu Füßen zu sitzen.

Solche Überzeugung, solche Standhaftigkeit solch ein Ruhen zu Jesu Füßen, solch ein Hören auf den Gott der redet, so ein neues ordnen der Prioritäten unseres Lebens, wie Jesus es in dieser Geschichte sagt, solches wünsche ich uns allen gerade im Getümmel und Getriebe unseres Alltages. Versäumen wir das Beste nicht, bei den vielen guten und wichtigen Aufgaben die wir haben. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt und das soll nicht von ihr genommen werden.

Amen