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Liebe Gemeinde,
Sicherlich nicht zum erstenmal haben wir soeben die Geschichte der Martha
und der Maria gehört und wahrscheinlich fällt es uns schwer, von den
Gedanken loszukommen, die wir schon immer bei dieser Geschichte hatten,
fällt es uns schwer, diese Geschichte am heutigen Sonntag ganz neu zu
hören. Ich weiß nicht, welche von diesen beiden Frauen sie sympathischer
finden. Ich weiß nicht, für welche dieser beiden Frauen sie Partei ergreifen
würden, wenn sie heute morgen uns diese Geschichte von damals persönlich
erzählen könnten. Schlägt ihr Herz für die tatkräftige, entschlossene,
praktisch veranlagte Martha oder liegt die nicht so pflichtbewußte, mehr
auf innere Werte achtende Maria eher auf ihrer Wellenlänge?
Die Szene ist ja anschaulich genug, so daß wir sie uns sicherlich lebhaft
vorstellen können. Da war Jesus mit seinen Jüngern im Lande unterwegs.
Er kam nach Bethanien, dem Wohnort dieser beiden Frauen, die entweder
ledig oder verwitwet waren und auch ihren Bruder Lazarus mit in ihr Haus
aufgenommen hatten. Bethanien, war nur wenige Kilometer von Jerusalem
entfernt.
Jesus kam in diesen Ort, suchte Unterkunft und Bleibe für sich und seine
Jünger, waren sie doch selber quasi mittellos und auf solche Hilfe angewiesen.
Da war es dann die Martha, die Jesus und seine Jünger in ihr Haus aufnahm.
Martha, ihr Name heißt übersetzt ins deutsche "Herrin" und
eine Herrin war sie auch. Wenn wir diese Stelle im Lukasevangelium und
dann auch Johannes 11, wo uns diese Familie erneut begegnet recht verstehen,
muß Martha es gewesen sein, die das Haus geleitet hat. Martha war überaus
tatkräftig, zuverlässig und bestimmt auch nicht ganz unvermögend, sonst
hätte sie es sich nicht leisten können, Jesus und seine Jünger, also
mindestens 13 Personen gastlich in ihr Haus aufzunehmen. Martha handelte
damit mutig, denn es war damals nicht üblich, daß Männer, zu Gast bei
unverheirateten oder verwitweten Frauen warne. Wer solche Gäste, dazu
noch so einen besonderen Gast wie Jesus es war in sein Haus aufnimmt,
muß sich auch um sie kümmern. Da mußten Speisen und Getränke her. Diesmal
hatte Jesus nicht für die wunderbare Brotvermehrung gesorgt. Und Wasser
hatte er auch nicht zu Wein verwandelt, wie damals auf der Hochzeit in
Kana in Galiläa. Nein, diesmal mußte Martha als Hausfrau für alles Sorgen,
darüber hinaus noch den Raum mit Polstern richten, unter Umständen auch
den Gästen bei ihrer Ankunft die Füße waschen. Ganz schön viel Arbeit
und Martha, diese gute Gastgeberin kam ordentlich ins Schwitzen.
Martha die Dienerin, darf wohl mit gutem Recht als die erste Diakonin
des Neuen Testamentes bezeichnet werden. Und ich denke, daß sie diese
Aufgabe nicht ungern getan hat. Ich denke sie war in ihrem Element und
zuallererst muß ihr einmal unsere Hochachtung gelten, so wie wir vor
allen Frauen Hochachtung haben sollten, die jahraus jahrein ohne viel
Wirbel zu machen den Haushalt, den Garten, die Kinder und darüber hinaus
noch vieles mehr am laufen halten und diese Aufgabe mit Bravour gemeistert
haben und auch heute noch meistern.
Diese Martha hatte eine Schwester, die Maria, eine Ableitung des damals
in Israel weit verbreiteten Namens Mirjam, der Schwester des Mose. Maria
vernachlässigte ihre Pflichten im Haushalt und Lukas berichtet uns, daß sie
sich müßig zu Jesu Füßen niederließ und zuhörte was dieser Mann erzählte
und lehrte.
Was Maria tat war noch ungewöhnlicher als das, was Martha tat. Als Frau
bei den Männern zu sitzen und zuzuhören, das war im Grunde genommen revolutionär.
Jüdische Rabbiner hatten damals nur Männer in ihren Schulen. Was ihm
Haus der Martha geschah war sowohl aus Sicht der Maria als auch aus der
Sicht Jesu ungewöhnlich. Aber so war Jesus eben. Menschen waren ihm wichtiger
als Gebote und Regeln des guten Anstandes.
Sehr gut kann ich es auch verstehen, daß Martha ungehalten darüber wird,
daß sie sich abmüht, während Maria zu Jesu Füßen sich den höheren Dingen,
dem Wort Gottes widmet. Und ich höre, wie Martha innerlich grollt: Diese
besonders Frommen. Wollen fromm sein, laufen ständig unter Gottes Wort,
beten ständig, aber vernachlässigen das Nötigste, das Natürlichste das
Normalste auf der Welt. Und nicht nur auf Maria war sie ärgerlich, sondern
auch auf Jesus selbst, der Maria nicht einmal an ihre Pflicht, an ihre
Aufgaben, an die Nächstenliebe erinnert.
Fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester allein dienen läßt,
sagt sie zu Jesus, und wir spüren den Vorwurf in ihrem Ton. Jesus, läßt
dich das den völlig kalt?
Ich weiß nicht, was wir geantwortet hätten, wenn wir an Jesu Stelle
gewesen wären.
Die Antwort Jesu finde ich auf alle Fälle erstaunlich genug.
Martha, Martha, so beginnt er das, was er Martha sagen möchte und in
dieser zweifachen Namensnennung spüren wir eine seelsorgerliche Haltung
von Jesus, ein ernst und wahrnehmen der Martha, wie wir überhaupt sagen
müssen, daß Jesus Martha nie verachtet hatte. In Joh 11, 5 lesen wir
sogar, daß Jesus Martha und ihre Schwester und ihren Bruder Lazarus lieb
hatte.
Martha, Martha, du hast viel Sorge und Unruhe, du machst viel Action,
würden wir heute sagen, du hältst viele Töpfe auf dem Herd am kochen....
eins aber ist Not.
Eindrücklich diese Gegenüberstellung Jesu. Martha hat viel Sorge und
Unruhe . Eins aber ist not. Auf etwas kommt es an. Jesus stellt dem Vielerlei
im Leben der Martha das eine gegenüber auf das es wirklich ankommt. Die
Vieles Haltung der Martha und die Eines Haltung der Maria, was für ein
starker Gegensatz. Das Eine ist nach dem Urteil Jesu wichtiger, als die
vielen Dinge, die Martha tut. Und dieses eine besteht im Hören auf das
Wort Gottes.
Aus dem Hören kommt der Glaube und aus dem Glauben erst das Tun, sagt
Paulus später im Römerbrief.
Was Jesus hier aufrichtet, ist eine Priorität des Wortes vor der Tat
und was er hier lehrt ist kein Ausrutscher in seiner Lehre, sondern hat
Jesus an vielen anderen Stellen auch bezeugt. Am deutlichsten in dem
Wort aus Matthäus 6,33:
Mt 6,33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach
seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Alles andere, damit meint Jesus eben diese Dinge, für die Martha gesorgt
hat, das Essen und das Trinken, die Dinge des täglichen Lebens.
Eins aber ist not, auf eines kommt es an.
geht uns bei diesen Worten Jesu nicht das Messer in der Hosentasche auf?
Ist da nicht energisch zu protestieren? Ist denn die tatkräftige Hilfe
das anpacken wo Not ist nicht wichtiger, nicht viel mehr wert als alle
frommen Worte? Sollen denn wirklich die recht behalten, die in Gottesdienste
und Bibelstunden, in Hauskreise und Gebetsstunden Müssen wir da nicht
lautstark protestieren und sagen: Die Nöte schreien zum Himmel, was
soll das fromme Getue, laßt uns anpacken, etwas schaffen, laßt uns
die Welt besser machen und Nächstenliebe verbreiten?
Nein, wir müssen nicht aufschreien und nein, wir müssen nicht protestieren.
Jesus hat das so geordnet, Jesus hat Prioritäten gesetzt und diese Prioritäten
hatte Maria zu ihrer Zeit erkannt. Eins aber ist Not, das Hören auf Gottes
Wort, das Stille werden zu den Füßen des Meisters. Man muß sich erst
von Jesus dienen lassen, bevor man dienen kann. Man muß erst auf Gottes
Wort hören, bevor man zur Tat schreiten kann. Geistliches Leben beginnt
mit Hören und Glauben, nicht mit dem Tun.
Das wollen wir einmal in aller Deutlichkeit heute morgen festhalten.
Ja ist denn das Andere, das Tun denn schlecht, mag jemand einwenden?
Oh ein, es ist nicht schlecht und wir würden diesen Text falsch verstehen,
wenn wir die praktische Nächstenliebe ablehnen würden. Lukas hat dieser
Geschichte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter vorangestellt und
darin sehr wohl deutlich gemacht, daß die tätige Liebe christlichem Denken
und Handeln entspricht.
Nein, das tun ist nicht falsch, aber wie so oft im Leben ist eben das
Gute der Feind des Besten. Wo wir wie Martha nur noch in den Aufgaben
unseres Lebens umherwirbeln bringen wir uns um die Quelle unserer inneren
Kraft und kommen bald an den Punkt, wo wir innerlich leer, ausgelaugt,
neidisch, ja vielleicht sogar bitter werden.
Und geschieht gerade das nicht immer wieder unter uns? Ist nicht gerade
das der Alltag einer Gemeinde?
Wie viele opfern sich auf für christliche Kreise und Gruppen, für Kirche
und Gemeinschaft und ärgern sich darüber, daß sie sich engagieren und
andere auf der faulen Haut liegen. Nun zu einem guten Teil ist dieser Ärger
auch berechtigt, weil es in Gemeinden, wie auch in allen anderen Vereinen
gerade so ist, daß sich manche aufopfern und andere sich bedienen lassen.
da wäre ein Ausgleich tatsächlich dringend gefragt. Aber gerade diesen
Marthas, denjenigen, die sich da aufopfern muß das eine gesagt werden.
Vergeßt eure Seele nicht, versäumt es nicht an der Quelle die Jesus heißt,
in der Stille vor Gott immer wieder Kraft zu schöpfen.
Nicht war, ein Stück weit ist uns diese Geschichte unangenehm. Diese
Botschaft ist uns unangenehm weil wohl viele unter uns, vielleicht gerade
auch die Eichstetter, die ja als schaffige Leute bekannt sind, gerner
in die Hände spucken und etwas anpacken, etwas schaffen und arbeiten,
von dem man auch etwas sieht. Das Still werden vor Jesus, die Andacht
am Morgen, das Gebet am Abend, das ruhen zu Jesu Füßen, es fällt uns
oft schwerer als die praktische Arbeit. Und doch wollen wir es lernen
in unserem Leben die Prioritäten zu ordnen. So zu ordnen, wie Jesus es
uns heute morgen gelehrt hat.
Bei den Olympischen Spielen im Jahr 1924 in Paris gewann ganz sensationell
und völlig überraschend Eric Lydell den 400 m Lauf der Männer in einer
sensationellen Zeit. Eric Lydell, ein Theologiestudent aus Schottland
war bislang ein unbeschriebenes Blatt, völlig unbekannt. Aber er gewann
diesen 400 m Lauf in neuer Weltrekordzeit von 47,6 sek und sofort schickten
die Telegraphen den bislang noch unbekannten Namen in alle Welt hinaus.
Eric Lydell war der Held dieser Olympiade und jeder erwartete, daß Eric
Lydell auch den 100m Lauf der Männer gewinnen würde. Doch der 100 m Endlauf
fand an einem Sonntag statt und Eric Lydell weigerte sich standhaft,
an diesem Tag zu starten. Denn an diese Sonntag stand er auf der Kanzel
der kleinen angelsächsischen Gemeinde in Paris. Zu seiner bestürzten
Umgebung sagte er: Meine Herren, heutzutage ist es gut, eine feste Überzeugung
zu haben.
Ein Jahr später ging dieser Weltrekordmann als Missionar nach China.
Eric Lydell hatte Prinzipien und Überzeugungen. Zu diesen Prinzipien
gehörte für ihn, daß er am Sonntag den Gottesdienst besucht, daß er sich
von nichts und niemanden abbringen ließ, Zeit zu haben, um zu Jesu Füßen
zu sitzen.
Solche Überzeugung, solche Standhaftigkeit solch ein Ruhen zu Jesu Füßen,
solch ein Hören auf den Gott der redet, so ein neues ordnen der Prioritäten
unseres Lebens, wie Jesus es in dieser Geschichte sagt, solches wünsche
ich uns allen gerade im Getümmel und Getriebe unseres Alltages. Versäumen
wir das Beste nicht, bei den vielen guten und wichtigen Aufgaben die
wir haben. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt und das
soll nicht von ihr genommen werden.
Amen |