
  |
1. Wandelt würdig
Wandelt würdig. Diese Aufforderung des Paulus, es ihm gleich zu
tun klingt in unseren Ohren etwas antiquiert und verstaubt. Wandelt
würdig, da denken wir daran, daß in katholischen Gebieten die Priester
Hochwürden genannt werden. Wandelt würdig, das empfinden wir wahrscheinlich
so, wie es die Karikatur auf dieser Folie zeigt. Einen Christen,
einen Geistlichen, der 10 cm über der Erde schwebt, gemessenen
Schrittes einherschreitet, von Kopf bis Fuß auf Würde eingestellt.
Aber ich bin mir sehr sicher, daß Paulus das so nicht gemeint hat.
Im Gegenteil. Das griechische Wort, daß Paulus hier verwendet heißt
politeuomai ein Wort von dem unsere Wörter wie Politik oder Polizist
abgeleitet sind. Politeuomai meint eigentlich seine Verantwortung
wahrnehmen, seine Rechte und Pflichten als Staatsbürger wahrnehmen
und ausüben. Wenn Paulus nun schreibt, daß wir würdig des Evangeliums
leben sollen, dann meint er damit, daß wir unsere Rechte und Pflichten
als Christen wahrnehmen. Das heißt wir leben als solche, die sich
ihrer Würde bewußt sind. Christus hat uns erlöst und als Gotteskinder
angenommen, was ist das für ein großartiges Recht, das wir haben,
ein Recht, das uns erhobenen Hauptes, nicht jedoch überheblich,
durch unser Leben gehen läßt. Aber nicht nur unsere Rechte, auch
unsere Pflichten als Bürger des Reiches Gottes, wollen wir nicht
aus den Augen verlieren. Das heißt meine ganze Lebensführung, die
Art und Weise wie ich lebe soll christusgemäss sein und das kann
nun in unserem Leben sehr konkret werden. Wandelt würdig, das heißt
dann:
daß wir wie Christus reden würde auch wir mit unseren Eltern und
unseren Kindern reden
daß wir uns wie Christus am Arbeitsplatz oder in der Schule verhalten
würden
daß wir wie Jesus mit Menschen des anderen Geschlechtes umgehen
und nun könnten wir unendlich viel ganz praktische Bereiche unseres
Lebens nennen, wo wir uns immer fragen wollen: Was hätte Christus
getan?
2. Kämpft einmütig
Kämpft mit uns! Schreibt Paulus
Es scheint mir heute Mode geworden zu sein, daß man viel lieber
zusieht, wie andere kämpfen, als daß man selber kämpft. Z.B. beim
Fußball: Wenig Aktive, viel Zuschauer. Oder beim Boxen: wenig Boxer,
viel Schreier. Ich denke, wir müssen darauf achten, daß diese Mentalität
unter uns Christen nicht einreißt und sich breit macht, daß wir
nicht Publikumschristen werden, nach dem Motto: Wollen wir heute
mal sehen was unser Mitarbeiterkreis auf die Beine gebracht hat,
wollen wir heute mal sehen, was unser Pfarrer, unser Prediger,
unser Pastor, ganz gleich wie man den nennt, heute sich mal wieder
ausgedacht hat. Gottesdienst - war heute nichts los, dem fällt
auch nichts neues mehr ein - Nächstes mal sehe ich mir lieber das
Fernsehprogramm an, da wird mehr geboten. Darf ich das einmal besonders
den Jüngeren, den Jugendlichen sagen? Gerade in der Jugendarbeit
spürt man manchmal diese Publikumshaltung, aber ich glaube, daß auch
die Älteren sich alle davor in acht nehmen müssen.
Kämpft mit uns, schreibt Paulus und in Vers 30 noch einmal: Habt
denselben Kampf wie wir. Stehen wir wirklich im Kampf, oder haben
wir uns als Christen in die Zuschauerrolle hineinbegeben?
Und beachten wir auch das andere: Wir kämpfen nicht gegen etwas,
wir kämpfen für etwas, nämlich für den Glauben an Christus. Ein
Kampf gegen etwas hat mit Haß und Vernichtung zu tun, ein Kampf
für etwas mit Liebe und Rettung.
Kämpft einmütig, schreibt Paulus. Der Kampf, in den wir hineingestellt
sind kann in der Gemeinde nur dann gelingen, wenn alle Beteiligten
an einem Strang ziehen.
Wenn Paulus solche Sätze schreibt, dann hat er Bilder vor sich,
hier wohl das Bild eines römischen Heeres. Vielleicht haben wir
das Bild so eines römischen Heeres vor Augen. Der eine oder andere
hat es schon in einem Asterix Comic gesehen. Da stehen die Soldaten
dicht an dicht, sie tragen den Schild vor sich her, es ist eine
fest gefügte Schlachtreihe. Nur innerhalb dieser gemeinsamen Schlachtreihe
war der schwerbewaffnete römische Soldat von allen Seiten geschützt.
Von Vorne, von hinten, von oben. Das Ziel des Feindes war es immer,
diese Schlachtlinie zu durchbrechen, die Einmütigkeit aufzulösen
und damit jeden Soldaten auf sich selber zu stellen. Dann hatte
er leichtes Spiel, dann hatte er gewonnen.
Wo es dem Feind gelingt, die Einheit von uns Christen aufzulösen,
hat er leichtes Spiel, erschrickt der Einzelne, verliert er Mut
und Zuversicht.
Deshalb legt Paulus im Philipperbrief so viel Wert auf die Einheit
der Christen. Diese Einheit ist für Paulus nicht eine Möglichkeit,
sie ist eine Notwendigkeit. Die Kampfestüchtigkeit der Gemeinde
hängt von dieser Einheit ab. Deshalb ist es meines Erachtens auch
wichtig, daß Christen verschiedenster Prägungen zwar ihre Eigenprägung
bewahren, aber in dem Kampf, für das Evangelium, der uns aufgetragen
ist, gemeinsame Sache machen.
3. Leidet mit Christus
Phil 1,29 Denn euch ist die Gnade gegeben, um
Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um
seinetwillen zu leiden,
Das ist nun der Satz, der uns an diesem Abschnitt, wie überhaupt
im Leben des Paulus wohl am meisten umtreibt und uns auch die meisten
Fragezeichen aufgibt.
Euch ist die Gnade gegeben zum Leiden.
Wie, ist Leiden denn Gnade? Unter Gnade verstehen wir normalerweise
etwas ganz anderes. Unter Gnade verstehen wir, daß Jesus für uns
da ist: Für meine Sünden, um sie zu vergeben; für meine Not, um
mir zu helfen; für mein Leben, um ihm einen Sinn zu geben.
Nein sagt Paulus, Gnade ist viel mehr. Nicht nur, daß Jesus für
mich da ist, sondern auch umgekehrt, daß ich für Jesus da sein
darf. Wie er für mich gelitten hat, so darf ich auch ein Stück
für ihn mitleiden.
Das ist nun wirklich eine ganz neue Seite an diesem Text und an
der Bibel und ich frage mich, ob wir unser persönliche Lebenssituation
unser persönliches Leiden schon einmal so gesehen haben? Das Leiden
des Paulus bestand darin, daß er für Christus im Gefängnis saß,
Fesseln für Christus trug. Aber nicht nur das. Paulus litt auch
unter Krankheiten und erlebte durch seine Aufgabe und seine Mission
unendlich viel Nöte und Schwierigkeiten.
Wir tragen keine Fesseln für Christus und doch, es ist kaum einer
unter uns, dem im Leben nicht Schweres begegnet, der Leiden erlebt.
Krankheit mit all ihren Schattierungen und Facetten, Krankheit,
die ich selber an mir trage, und Krankheit im Leben von mir lieben
Menschen, Unfall, persönliche Mißerfolge, berufliche Pleiten, Streit
und Unverständnis in der Familie,
Sie sind zahlreich unsere Leiden und mancher unter uns und noch
viel mehr in der weiten Welt leidet auch um Christi willen, leidet
unter Spott, unter dem Einsatz für Christus, ja sogar unter Gefängnis
und Tod.
In der Februarausgabe des Chrischonamagazines hat mich eine Zahl
schockiert, der Hinweis darauf, daß Jahr für Jahr 168.000 Menschen
um ihres Glaubens Willen ums Leben kommen.
Die Kampfeinheit der Gemeinde Jesu, von der wir vorher gesprochen
haben ist heute oft zu einer Leidenseinheit geworden. Der Kampf,
der uns Christen aufgetragen ist wird an so vielen Stellen dieser
Welt durch das Leiden ausgefochten und gekämpft. Das sehen wir
schon an Jesus. Sein Kampf und sein Sieg über Sünde, Tod und Teufel
wurde durch das Leiden erfochten. Wieso sollte das bei uns anders
sein? Es ist für uns ohne Zweifel schwer zu verstehen, daß Macht
durch Ohnmacht gebrochen werden soll, es ist für uns schwer zu
verstehen, daß bei Gott der Leidensweg ein Siegesweg ist, aber
es ist so und an unzähligen Menschen hat sich das schon so bestätigt.
Phil 1,29 Denn euch ist die Gnade gegeben um
Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um
seinetwillen zu leiden,
Was macht dieser Satz mit uns? Welches Licht wirft er auf unsere
persönlichen Nöte und Schwierigkeiten, auf unser Leiden?
Wenn Leiden Gnade ist, meinen wir dann, daß Jesus uns im Handumdrehen
von all unseren Leiden erlöst? Ich weiß, daß keiner von uns, auch
ich nicht, gerne leidet. Und dennoch bin ich der Überzeugung, daß das
leiden, das jedem einzelnen von uns verordnet ist nicht sinnlos,
nicht willkürlich, nicht boshaft ist, sondern etwas mit uns vorhat,
etwas mit uns macht.
Wir alle wollen das Leiden gerne los werden, aber an so vielen
Stellen des Neuen Testamentes werden wir einen anderen Weg gelehrt.
Mt 16,24 Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will
mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein
Kreuz auf sich und folge mir.
Joh 12,24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt
es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Im Leiden und durch Leiden werden wir geprägt, können wir geändert
werden, will Jesus an uns und durch uns wirken und arbeiten, ja
Jesus sagt sogar, daß durch Leiden hindurch Frucht entsteht.
Leiden, so sagt es Paulus hier, ist ein Geschenk der Gnade Gottes.
Wir können in diesem Zusammenhang nicht die Frage beantworten,
wie ein gerechter Gott all das unsägliche Leiden auf der Erde zulassen
kann. Diese Frage ist uns zu hoch und wir werden sie nie beantworten
können. Aber wir können das andere sagen.
Unser persönliches Leid wird uns nicht zugemutet - es wird uns
anvertraut. Es wird uns anvertraut, daß wir es gestalten, es wird
uns anvertraut, daß wir uns davon gestalten lassen, es wird uns
anvertraut, weil nach göttlichem Rat Macht durch Ohnmacht gebrochen
wird. Wie ohnmächtig war die Gemeinde Jesu in Rußland zur zeit
des Kommunismus und hat ihre Ohnmacht nicht gerade auch diese Macht
gebrochen, so daß heute in Rußland große Erweckungen durch dieses
Land gehen?
Paulus hat dieses Prinzip gelebt. Im Gefängnis von Philippi haben
es die Philipper zum ersten mal beobachtet, wie dieser Mann in
ketten und im Stock Loblieder sang und dadurch Gefängnismauern
sprengte.
Ihr lieben, trotz allem Haare sträuben, trotz allem inneren Widerstand
gegen diesen Weg des Leidens, den uns Gott führt, wünsche ich uns
allen, daß wir uns gegen unser Leiden nicht auflehnen, sondern
daß wir es annehmen, gestalten und fruchtbar machen.
Unter Leiden prägt der Meister in die Herzen in die Geister sein
allgeltend Bildnis ein.
Leiden sammelt unsre Sinne, daß die Seele nicht zerrinne in den
Bildern dieser Welt, ist wie eine Engelwache, die im innersten
Gemachte des Gemütes Ordnung hält.
Wandelt würdig, kämpft einmütig, leidet mit
Ich denke, wir tun gut daran, diese biblischen Prinzipien der Nachfolge
neu zu beherzigen und zu leben.
Amen |