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Liebe Geschwister,
diejenigen, die am vergangenen Sonntag da waren, erinnert ihr euch noch
an Henri Dunant, den Gründer des weltweiten Roten Kreuzes? Er war
ein engagierter Christ und seit er 1860 Zeuge einer Schlacht bei Solverino
in Oberitalien wurde, kam er nicht mehr von dem Gedanken los, daß für
die Nöte der im Krieg Verwundeten etwas getan werden mußte.
Da war ein überzeugter Christ, der das Wort Jesu: "Was ihr
getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan" ernst
genommen hat und seiner Vision Taten folgen lies, bis dorthin, daß wegen
seiner Vision sein eigener Betrieb Konkurs anmelden mußte. Wir
haben dann am vergangenen Sonntag noch anhand verschiedener Bibelstellen
nachgewiesen, wieviel Wert Jesus auf die praktische Nächstenliebe
gelegt hat.
Diakonie - anderen dienen ist oft genug mehr wert, als so manche Worte,
die wir machen.
Nachdem wir am letzten Sonntag so einen Schnelldurchgang durch die Bibel
gemacht haben, wollen wir heute anhand einer Geschichte darüber
nachdenken, was das Wort der praktischen Nächstenliebe für
uns heute bedeuten kann. Es ist auch eine Geschichte, wo einer unter
die Räder gekommen ist, wo einer in eine kriegerische Auseinandersetzung
geraten ist.
Es ist eine Geschichte, die hier schon in der Kinderschule bei Schwester
Martha oder Schwester Hedi gehört habt. Eine Geschichte aber auch,
die ihre Faszination, auch wenn man sie schon oft gehört hat, noch
nicht verloren hat.
Gemeinde raten lassen, um welche Geschichte es sich handelt
Es ist die Geschichte vom Barmherzigen Samariter
Ich lese uns dazu Lukas 10,30 - 37
Da war einer unterwegs von Jerusalem nach Jericho. Einer Straße,
die durch Wüstenstrecken, durch Schluchten und zerklüftetes
Gelände führt. Ein Weg, der von vielen Reisenden und Kaufleuten
benutzt wurde. Doch stellt euch diese Strecke nicht so vor, daß Radio
Jerusalem täglich Staumeldungen über diese Straße hätte
veröffentlichen müssen. Nein, so ein hohes Verkehrsaufkommen
gab es damals noch nicht, daß alle 2 min einer einem auf diesem
Weg begegnet wäre. Man ging wohl eine Zeit lang für sich alleine,
um dann ab und zu jemanden zu treffen.
Auf diesem Weg war nun ein Mensch. Er ging von Jerusalem nach Jericho,
war wohl ein Handlungsreisender oder ein Festpilger, der in Jerusalem
bei einem Gottesdienst war. Er fiel unter die Räuber, die ihn ausraubten,
ihn auszogen, ihn schlugen. Warum sie ihn geschlagen hatten? Vielleicht
hatte er sich gewehrt, vielleicht hatte er nicht so viel dabei, wie sie
erhofften, vielleicht war es auch pure Lust, anderen Menschen zu schaden.
Das alles spielt auch keine Rolle. Da liegt nun einer der halbtot ist.
Einer, der wohl mit Sicherheit sterben wird, kommen Menschen ihm nicht
zur Hilfe. Halbtod. Zum Leben zu krank, zum Sterben zu lebendig. Aber
die Hitze des Orients, der Blutverlust und der Durst hätten wohl
innerhalb weniger Stunden dafür gesorgt, daß dieser Mann diesen
Raubüberfall nicht überlebt hätte.
Liebe Geschwister, die Übertragung dieser Geschichte wird uns ja
nicht schwer fallen, denn auch in unserer Gesellschaft gibt es ja viele,
die unter die Räuber gekommen sind, viele, die mehr Tod sind, als
daß sie leben.
Unsere Welt heute ist ja voller Räuber und Dieben. Das meine ich
nicht nur wortwörtlich, sondern im übertragenen Sinne. Da gibt
es die Räuber der Wirtschaft, die Mitarbeiter entlassen, nur damit
die Aktienkurse an den Börsen weiter in die Höhe schnellen
können. Da gibt es den Dieb der Inflation, der diejenigen der älteren
Generation zweimal in ihrem Leben zu Habenichts gemacht hat. Da sind
die Globalisierungsräuber, die Menschen hier in unserem Land um
den verdienten Lohn ihrer Arbeit bringen. Eine besondere Not ja auch
in unserem Dorf, wo unsere Landwirte jedes Jahr weniger für ihre
Produkte auf den Märkten erhalten.
Da gibt es die Räuber der Gesundheit, die Drogen und der Alkohol,
die Süchte jedweder Art, die Menschen um ihre Willenskraft und um
ihren Verstand bringen, die Menschen gefangen halten wie Kidnapper ihre
Geiseln.
Und wie viele bleiben halbtot am Wegesrand liegen, weil ihre Ehe zerbrochen
ist? Wie viele Kinder sind seelisch verletzt und in ihrem Wesen zerrissen,
weil sie Scheidungskinder sind? Wie viele werden in ihrer Seele krank
und halbtot, weil sie mit unserer Gesellschaft, ihren Leistungsanforderungen
und dem Tempo nicht mehr zurecht kommen?
Lk 10,30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging
von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die
zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen
ihn halbtot liegen.
Kommen euch jetzt Menschen in den Sinn, die halbtot sind? An wen erinnert
euch Gott in diesem Augenblick, wen legt euch der Geist Gottes aufs Herz?
Die Geschichte, die Jesus hier erzählt, wird ja besonders dadurch
pikant, daß ausgerechnet zwei Fromme auf dem gleichen Weg sind
wie jener Halbtoter. Ein Priester und später ein Levit sind auf
der selben Straße unterwegs und - Pause - Und sie gingen vorüber.
Wörtlich heißt es sogar: Sie machten einen Bogen um ihn herum.
Wir alle begehren auf und sagen: Das ist der Hammer: Das darf doch wohl
nicht wahr sein. Aber seien wir ehrlich, ist das nicht oft genug unsere
Situation.
- Oh ja, es gab viele einleuchtende Gründe und Motive, warum
sie einen Bogen machten.
- Der Priester mag eine Woche Tempeldienst gehabt haben und war sozusagen
ausgepowert. Er kam von der Nachtschicht nach Hause und hatte keine
größere Sehnsucht als zurück zu Frau und Kind.
- Der Levit war vielleicht unterwegs zum Tempel und wollte auf keinen
Fall zu spät zum Gottesdienst kommen, in dem er eine Aufgabe hatte.
- Vom Gesetz her durften sich Priester nicht an Toten verunreinigen
- was aber, wenn ihm der Mann jetzt unterwegs sterben würde?
- Oder vielleicht war es schlicht und ergreifend die Angst, die Räuber
könnten noch in der Nähe sein. Besser nur einer tot, als
daß ich auch unter die Räuber komme und dabei krepiere.
Jesus schweigt über die Motive, aber schrill klingelt der Satz
in unseren Ohren: Er ging vorüber.
Liebe Geschwister - ich will euch nicht verhehlen, daß ich mit
Zittern über dieses Vorübergehen spreche, weil ich auch zu
denen gehören könnte, die vorüber gehen, die vor lauter
Eifer um Gottes Reich sich keine Zeit nehmen für die Halbtoten unseres
Dorfes. Auch mir könnte es passieren, daß ich unbedingt zur
Bibelstunde oder in die Mitarbeiterratssitzung gehe, anstatt daß ich
bei dem, der halbtot auf der Straße liegt anhalte. Und ihr?
Ein Samariter kam des Weges. Der Samariter hätte am wenigsten Grund
gehabt, bei diesem Menschen anzuhalten. Es war einer aus einem anderen
Volk, dazu ein Volksstamm, der den Juden verhaßt war. Und das ganze
beruhte natürlich auf Gegenseitigkeit. Nicht selten wurden Juden,
die nach Jerusalem pilgerten, von Samariter angegriffen. Dieser Samariter
war ebenfalls unterwegs, vermutlich war es ein Kaufmann, der mit samaritanischen
Olivenöl handelte, denn im weiteren Verlauf der Geschichte fällt
auf, wie gut er den Gastwirt kannte, bei dem der Verletzte später
Unterkunft und Pflege fand.
Wer wäre denn der Samariter für uns heute? Welche Menschengruppen
sind denn für uns die Samariter des 21. Jahrhunderts? Die Atheisten,
die Liberalen, die Bibelkritischen, die Gastarbeiter mit fremden Religionen,
der homosexuell veranlagte Mensch?
Seine Hilfe beginnt damit, daß er sah. Er guckte hin, schaute
vor dem Elend, das da am Wege lag, nicht weg. Damit beginnt alle Hilfe,
alle Diakonie. Mit dem Sehen. Mit dem Hingucken. Mit dem wachen Blick,
mit dem wir durch diese Welt gehen.
Und es jammerte ihn: Das ist der zweite Schritt: Wirksame Diakonie hat
damit zu tun, daß Gott unser Herz anrührt und wir von Gott
eine tiefe Liebe für Menschen in Not empfangen. Jammern ist mehr
als bloß Mitleid haben. Laß dein Herz erfüllt werden,
mit der Barmherzigkeit, die von Gott kommt.
Dann goß er Öl und Wein in die Wunden und verband sie. Öl
gilt im Orient als Schmerzmittel. Wein desinfizierte die Wunde. Ein provisorischer
Verband war aus abgerissenen Tüchern war schnell gemacht. Was heißt
das für uns heute, Wunden anderer Menschen zu verbinden, Verletzungen
zu heilen? Meistens haben Menschen heute seelische Verwundungen. Da hilft
Verständnis, das sich jedoch nicht im Mitleid haben erschöpft.
Letztlich wird nur Jesus seelische Wunden und Verletzungen heilen können. "O
Herr, deine Sanftheit, vertreibt all meine Bitterkeit," heißt
es in einem neueren Lied. In Jesu Armen ruhen, wird die Wunden von Menschen
heilen.
Und dann begleitet er diesen Menschen ein Stück des Weges, bietet
ihm Weggemeinschaft. Ein Stück des Weges mit anderen Menschen zu
gehen, das ist Samariterdienst. Sie begleiten bis dorthin, wo ihnen vielleicht
auch professionelle Hilfe gegeben werden kann, das ist Samariterdienst.
Schließlich entdecken wir an der Geschichte, daß der Samariter
am nächsten Tag abreiste. Anscheinend waren seine Geschäfte
dringend, vielleicht führte er verderbliche Waren mit sich. Aber
wir entdecken: Er durfte sich auch von dem Menschen in Not wieder verabschieden,
da er wußte, er ist jetzt in guten Händen. Auch das gehört
zur Diakonie dazu, daß wir uns von Zeit zu Zeit wieder von den
Menschen lösen, damit wir selber wieder aufatmen können und
auch wieder frei werden für die Not anderer.
Jesus schließt dieses Gleichnis damit, daß er zu dem Pharisäer,
dem er diese Geschichte erzählt, sagt: Nun gehe hin und tue desgleichen.
Diakonie heute - wo liegen denn die heutigen Herausforderungen. So habe
ich Eingangs gefragt: Sie liegen auf der Straße, sie liegen auf
der Hand. Ich weiß nicht, wo sie für dich morgen liegen. Ich
weiß nur, daß es sie gibt. Auch hier in Eichstetten Ich kann
es dir nicht sagen, was für dich dran ist. Aber wenn du Gott die
Erlaubnis gibst, dir Menschen zu zeigen, wenn sein Geist dir Menschen
aufs Herz legt, dann wirst du sehr bald wissen, wem du zum Samariter
werden kannst.
- Vielleicht ist es der kranke Landwirt in deinem Dorf, der in den
nächsten zwei Wochen deine Hilfe braucht, um nicht völlig
ins Hintertreffen zu geraten.
- Vielleicht ist es dein Nachbar, der unter seiner Ehescheidung leidet.
- Vielleicht ist es die Schulfreundin deiner Tochter, die noch nie
im Leben gesehen hat, wie eine richtige Familie funktioniert.
- Vielleicht sind es Menschen auf den Slumbergen Manilas, von denen
Ricarda in ihrem letzen Rundbrief geschrieben hat, die etwas von deinem
Geld brauchen.
- Vielleicht hier oder vielleicht dort ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, daß uns Jesus zur Diakonie ruft. Er gibt
uns dazu Verheißung und Auftrag. Er erinnert uns daran, daß dieses
Arbeitsfeld der eigentliche Reichtum unseres pietistischen Erbes ist.
Er öffnet unsere Augen für die Nöte um uns her. Er rührt
unsere Herzen so an, daß wir die Zeit, in der wir leben, nicht
als Last, sondern als Chance begreifen.
Ein Gedanke noch zum Schluß:
Vielleicht hattest du mit dieser Predigt Mühe und es mag sein, daß ein
Gedanke dich stets bewegt hat. Vielleicht hast du gedacht: Dieser Ausgeraubte,
dieser Mensch, der da halbtot auf der Straße liegt, das ist ja
gar nicht mein Nachbar. Das bin ja ich selbst. Ich selbst bin ja verwundet.
Ich selbst bin ja halbtot. Ich selbst kann ja nicht mehr weiter. Ich
selbst habe ja kaum mehr Hoffnung, ich selbst würde auf einen barmherzigen
Samariter warten, der mich versorgt und mich ein Stück des Weges
begleitet.
Dann laß dir sagen: Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter
haben wir erst dann richtig verstanden, wenn wir es als ein Abbild Jesu
verstehen. Im Grunde ist er selbst der barmherzige Samariter. Er hilft,
wo nicht einmal Priester und Leviten, und Prediger und Schwestern und
Brüder aus der Gemeinde helfen. Er ist es, der zu den unter die
Räuber gefallenen Menschen herankommt. Er ist es, der um deine Not
keinen Bogen macht, sondern der sie ansieht und Erbarmen mit dir hat.
Er verbindet den, der verwundet ist und stärkt das Schwache.
Ps 147,3 Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, / und verbindet ihre
Wunden.
Das gilt auch dir und daß darfst du ganz persönlich für
dich nehmen.
Amen |