Logo Predigt: Diakonie I



Diakonie - eine aktuelle Herausforderung.

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Liebe Geschwister,

Henri Dunant, der von 1828 - 1910 lebte und ein junger Kaufmann in Genf war, reiste einmal nach Afrika und wurde auf dieser Reise Zeuge einer Schlacht im oberitalienischen Solferino. Er erlebte die entsetzlichen Leiden der zahllosen unversorgten Verwundeten und half selbst in dieser Schlacht mit, die Verletzten zu bergen und zu verbinden. Nach diesem Erlebnis mobilisierte der überzeugte Christ, der auch Mitbegründer des Weltbundes des CVJM war, die Öffentlichkeit. Er machte den Vorschlag, freiwillige Hilfskorps für in Kriegen Verwundete einzurichten und reiste für seine Gedanken rastlos durch Europa. 4 Jahre nach der Schlacht von Solferino trat eine internationale Konferenz zusammen, die die Genfer Konventionen von 1864 vorbereiteten und den Sanitätsdienst ins Leben riefen. Auf dieser Konferenz wurde ein Sanitätsdienst gegenüber den kämpfenden Parteien neutralisiert und durch eine weiße Binde mit einem roten Kreuz weithin sichtbar und erkennbar gemacht. Das Rote Kreuz wurde damals erfunden und ins Leben gerufen und von Henri Dunant tatkräftig auch mit eigenen finanziellen Mitteln unterstützt. Dafür mußte sein eigener, lang vernachlässigter Betrieb Konkurs anmelden. Vergessen von der Öffentlichkeit lebte Dunant als überzeugter Christ jahrzehntelang in einem Armenhaus, bis er dort irgendwann einmal von einem Journalisten gefunden wurde und gegen seinen Willen 1901 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde.
Es war ein überzeugter und engagierter Christ, der vor knapp 140 Jahren das Rote Kreuz gründete und damit ein heute weltweit verbreitetes Hilfswerk ins Leben rief, ein Hilfswerk, dessen christliche Wurzeln heute leider kaum mehr zu erkennen sind.

Szenenwechsel:
August Hermann Francke wurde 1663 geboren. Er war der Sohn eines lutherischen Juristen und der Weg in den Pfarrerberuf war früh für ihn vorgezeichnet. Er war auch ziemlich intelligent und durchlief eine ganze Reihe renommierter Schulen und Universitäten. Als 25-jähriger erlebte er seine Bekehrung, Später wurde Francke Pfarrer in Halle und gründete dort eine Schule für Arme, einige Jahre später ein Waisenhaus und noch einmal später das ganze System der Franckeschen Schulanstalten mit einer Volksschule für Bauern und Handwerker, eine Lateinschule für Begabte usw. Als Francke 1727 starb boten die hallischen Anstalten 3000 Personen Lern- und Arbeitsmöglichkeiten, vielen auch Unterkunft und Verpflegung. Eine Buchhandlung, eine Bibelanstalt, eine gewinnbringende Apotheke und vieles mehr wurde angefügt. Halle wurde in ganz Preußen zum Vorbild und nachdem der preußische König die Franckeschen Anstalten besichtigt hatten, erhielten sie Modellcharakter für ganz Preußen.
Leider verfielen die Anstalten kurz nach Franckes Tod dem Geist der Aufklärung und wurden dann eben ein soziales Werk. Aber es war ein bekennender Christ, ein Pietist, der dieses gewaltige Werk ins Leben gerufen hatte.

Ähnliches könnte ich euch nun von sehr vielen anderen Menschen erzählen und berichten. Von Florence Nightinggale, die das Berufsbild der Krankenschwester wie keine andere prägte. Von Friedrich von Bodelschwingh, den die Not der epileptisch Kranken plagte und Anstalten in Bethel gründete, die heute noch weltweit eine der größten Einrichtungen für behinderte Menschen ist.
Von Dr. Thomas Barnardo aus London könnte ich euch erzählen. Eigentlich wollte er als Arzt und Missionar nach China ausreisen. Doch dann entdeckte er während seines Studiums die Straßenkinder von London. Die Schornsteinfegerjungs, von denen ja auch der berühmte Roman von Charles Dicken Oliver Twist schreibt. Und er fand ein Herz für diese obdachlosen, verwahrlosten Kinder und nahm sich zeit Lebens ihrer an.

Diakonie war eine der stärksten Triebfedern des Pietismus, war die Kraft, die den pietistischen Bewegungen in Deutschland zum Durchbruch verholfen haben.

Aber warum sollten wir heute Abend so weit in der Welt herumreisen, um dem Geheimnis der Diakonie auf die Schliche zu kommen. Ist es denn nicht so, daß unsere ureigensten Wurzeln hier in Eichstetten, hier in der Evangelischen Gemeinschaft, ist es denn nicht so, daß unsere eigenen Wurzeln auf diakonisch denkende Liebe zurück gehen?

Da lebte um die Jahrhundertwende die Frau Kiefer in Eichstetten, der die Kinder am Herz lagen. Die Kinder, die früh ins Feld mit mußten oder die ohne Aufsicht zu Hause waren, weil die Eltern oft genug den ganzen Tag in den Reben und im Feld waren. Und sie rief die Kinderschule ins Leben, die erste hier in Eichstetten. Und über Jahrzehntelang waren so viele Eltern dankbar für diese Kinderschule. Über so viele Jahre hinweg nutzen die Diakonissen, die diesen Kindergarten leiteten, diesen Ort, um Kindern von Jesus weiter zu sagen. Über so viele Jahre hinweg hat die Gemeinde hier Geld, Kraft und Liebe investiert und wir konnten so unser Zeugnis hier im Ort weiter geben. Unsere eigenen Wurzeln waren diakonische Wurzeln.

In Chrischona fängt man in diesen Jahren neu an, über Diakonie nachzudenken. Ich erinnere mich an Referate von Karl Albietz vor einigen Jahren, wo er sich dafür aussprach, daß wir die Kraft tätiger Nächstenliebe neu entdecken. Das Theologische Seminar hat vor gut und gern einem Jahr einen Dozenten für Diakonie angestellt und seitdem diesem Thema, über das in meiner Ausbildungszeit kaum richtig gelehrt wurde, einen ganz neuen Stellenwert gegeben. Und auf der letzten Delegiertenversammlung Anfang Mai war die gemeindenahe Diakonie das Thema, mit dem sich die Delegierten auseinandersetzen. Dort auf dieser Delegiertenversammlung beschloß ich auch, über dieses Thema einmal hier in der Gemeinde zwei Gottesdienste zu halten.

Wir reden viel über Mission und Evangelisation, aber haben wir es nicht verlernt über die praktische, tätige Nächstenliebe zu reden? Oft genug überlassen wir dieses Feld in der Zwischenzeit den großen Kirchen oder den staatlichen Organisationen. Sie sind doch zuständig für Kindergärten und Altenheime, für behinderte Menschen und Suchtabhängige. Manchmal meinen wir, es gibt diakonisch gar nichts mehr zu tun, weil alles schon von professionellen Organisationen abgedeckt ist. Vielleicht meiden wir auch dieses Thema, weil wir ahnen, daß es uns Zeit kosten würde. Und Zeit ist uns ja so kostbar, so knapp geworden in unserer hektischen Welt.

Dabei strahlt dieses Thema der Diakonie aus jedem Knopfloch des Neuen Testamentes heraus. Anderen Menschen zu dienen, unseren Nächsten und sogar unsere Feinde zu lieben ist doch das Gebot unseres Herrn Jesus.
Wir wollen heute einfach einmal eine biblische Bestandsaufnahme machen. Und ich habe die Sehnsucht und den Wunsch, daß wir heute etwas davon spüren, wie wichtig es der Bibel ist, daß diese praktische Nächstenliebe in den Gemeinden praktiziert wird. Am kommenden Sonntag wollen wir uns dann mit praktischen und konkreten Fragen beschäftigen, was diese biblische Bestandsaufnahme nun für uns heißen könnte.

Also, ich beginne einmal mit einer Begriffsdefinition und komme dann zu dem, was Jesus über dieses Thema gesagt hat.
Diakonie: Das Wort ist griechischen Ursprungs und heißt zunächst einmal nichts anderes als: dienen: der Diakonos war derjenige, der bei Tisch diente, d.h. das Essen servierte und wieder abtrug. Aber warum soll Gemeinde Jesu diakonische Gemeinde sein?

Der biblische Hintergrund liegt bei Jesus selbst. Und dazu lese ich uns einmal einige Stellen aus dem Evangelium:

Mt 20,25-28 Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wißt, daß die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.

Bis zu diesem Zeitpunkt, an dem Jesus dieses Wort sagte, gab es keine Stelle in der Bibel, die davon berichtet hätte, daß Gott den Menschen dient. In den Evangelien wird dienen von der Arbeit der Frauen, der Knechte und dem Dienst der Engel gebraucht. Doch mit diesen Worten geschieht in der Bibel ein völliger Umbruch. der Gottessohn dient den Menschen. Er diente den Menschen, indem er ihnen das Alte Testament auslegte, ihnen den göttlichen Heilsplan erklärte. Er diente ihnen durch Heilungen und durch Wunder aber vor allem dadurch, daß er, Jesus, sein Leben als Lösegeld für viele hingegeben hat. Jesus dient uns und er sagt, daß er damit seinen Jüngern ein Vorbild gegeben hat. Der besondere Ton dieses Wortes liegt nämlich auf der Formulierung: "So wie": So wie Jesus uns diente, so sollen die Jünger einander dienen. Aufgefallen ist mir hier auch, daß der wahre und biblische Maßstab für Größe das Dienen ist. Nicht der Besitz irgendwelcher besonderer Gaben, Fähigkeiten, nicht die Intelligenz, der Reichtum oder die Klugheit macht jemand in der Gemeinde zum Größten, sondern der Größte ist derjenige, der dient.

In die gleiche Richtung weist auch das Wort Jesu von der Liebe zum Nächsten, daß er neben der Liebe zu Gott zum größten und wichtigsten Gebot überhaupt erklärt. Wir kennen ja die Antwort, die Jesus einem Pharisäer gegeben hat, nachdem er ihn nach dem wichtigsten und vornehmsten Gebot gefragt hat:

Mt 22,37-39 Jesus aber antwortete ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Jesus selbst war ein Freund der Zöllner, der Prostituierten und der gesellschaftlich unteren Gruppen, der Sünder.
In seiner Endzeitrede in Matthäus 24 weist er darauf hin, daß alles, was wir anderen Menschen gutes tun, im Gericht einmal so zählen wird, als hätten wir es ihm selbst getan.
Wer den Hungrigen zu essen gibt, der speist Jesus, wer den Nackten kleidet, zieht das Kleidungsstück Jesus selbst an, wer den Gefangenen oder Kranken besucht, besucht Jesus selbst. Und an anderer Stelle sagt Jesus, daß kein Becher kalten Wassers am Ende unbelohnt bleiben wird.

Spüren wir, welche große Bedeutung Jesus der Diakonie gegeben hat?
Die Urgemeinde in Jerusalem hat dann gleich angefangen, in diesen Dingen konkret zu werden. Sie sammelten Geld bis dorthin, daß viele alles was sie hatten verkauften um den Armen in der Gemeinde zu helfen. Schon in den ersten Tagen der Gemeinde Jesu hat man damit begonnen, die Witwen, die ja keine soziale Absicherung hatten, mit Nahrung zu verfolgen.
An dieser diakonischen Aufgabe entzündete sich dann ja auch der erste Streit in der Gemeinde. Die griechisch sprechenden Witwen meinten, in der Versorgung zu kurz zu kommen. Die Apostel nahmen dieses diakonische Anliegen ernst, sie schufen eine saubere Regelung, sie lösten dieses Problem und diese Problemlösung, so berichtet uns Lukas, hat mit dazu beigetragen, daß die Gemeinde weiterhin wachsen konnte. Konflikte in der Gemeinde lösen sich, indem man die diakonischen Aufgaben richtig zuordnet.

Später berichtet uns die Apostelgeschichte von Tabea, von der es heißt, daß sie viele gute Werke tat und reichlich Almosen gab. Ihr diakonischer Dienst hatte dazu geführt, daß viele in der Hafenstadt Joppe zum Glauben an Jesus gekommen waren.

Wenn wir in der biblischen Bestandsaufnahme fortfahren, kommen wir schließlich zu den Briefen, die an manchen Stellen dazu aufrufen den Dienst der Diakonie nicht zu vergessen. Viele der ersten Gemeinden mußten bereits ermahnt werden, in der tätigen Nächstenliebe fortzufahren.
So war es z.B. in Thessalonich so, daß viele aufgrund überspannter Endzeiterwartungen weder arbeiteten noch anderen dienten, sondern einfach faulenzten.
In Korinth lähmten Streitigkeiten in der Gemeinde das Miteinander der Gaben und die Empänger des Hebräerbriefes lebten in einer resignativen Haltung, so daß der Schreiber sie auffordert

Hebr 6,10 Denn Gott ist nicht ungerecht, daß er vergäße euer Werk und die Liebe, die ihr seinem Namen erwiesen habt, indem ihr den Heiligen dientet und noch dient.

Hebr 13,2 Gastfrei zu sein, vergeßt nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Hebr 13,16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergeßt nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
Der Galaterbrief fordert uns schließlich dazu auf:
Gal 6,2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Der selbstlose Einsatz der frühen Christen für die eigenen in Not geratenen Glaubensgenossen und ab dem 2. Jahrhundert verstärkt auch für Nichtchristen ist in der frühen Kirche sprichwörtlich geworden und hat ganz wesentlich zum Siegeszug des christlichen Glaubens in der alten Welt beigetragen. Christen halfen bei Begräbnissen, unterstützen die Armen, leisteten Hilfe bei Pestkatastrophen.

So gehört das diakonische Handeln von Anfang an zur Gemeinde Jesu dazu und findet immer Im Geiste Jesu statt.
Diakonie und Gemeindeaufbau sind untrennbar miteinander verknüpft. Der Leib Christi wird durch die Liebe zusammen gehalten. Und wenn der Satz stimmt, daß der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot ist, dann dürfen wir uns einen Mangel an Diakonie nicht leisten.

Viele unter uns werden sich jetzt fragen: Ja haben wir denn überhaupt noch Raum zur Diakonie? Sind diakonische Aufgaben nicht längst, wie anfangs erwähnt, von professionellen Diensten abgedeckt. Es wird doch wohl keinen Sinn machen, daß wir hier wieder einen Kindergarten eröffnen. auch an ein Krankenhaus in Eichstetten ist ja durchaus nicht zu denken, denn wir sind ja hier in dieser Gegend überaus gut mit Kliniken versorgt. Haben wir denn überhaupt noch die Chance zum diakonischen Handeln?
Ja es stimmt, die klassischen Felder der Diakonie sind heute oft schon besetzt. Und trotzdem glaube ich, daß wir eine Fülle von Möglichkeiten hätten, von der Liebe, die Christus uns geschenkt hat, weiterzugeben. Wer diese Liebe weitergibt, wird sie auch wieder stärker bei sich selbst spüren.
Eine Fülle von Möglichkeiten....
Alleinerziehende, Kinder mit nur einem Elternteil, die Heimat brauchen, unheilbar kranke Menschen, die auf Trost und Zuspruch warten. Einsame Menschen und solche, die in der Leistungsgesellschaft nicht mehr zurecht kommen. So viele gibt es, die sich nach Liebe und Hilfe sehnen, so daß ich fest davon überzeugt bin, daß uns die diakonischen Aufgaben in unserer Zeit nie ausgehen werden.

Markus Müller, der neue Dozent auf St. Chrischona hat bei der Delegiertenversammlung einen Satz gesagt, der mir eindrücklich war. Und mit diesem Satz möchte ich den heutigen Abschnitt der Predigtreihe über Diakonie schließen:
Er sagte:
Evangelisation ohne Diakonie ist zahnlos und Diakonie ohne Evangelisation ist seelenlos. Gemeinde Jesu braucht beides. Sie braucht die Evangelsiation und die Diakonie. Wer nur evangelisiert aber keine tätigen Werke der Nächstenliebe übt ist zahnlos. Sein zeugnis wird hohl klingen, auf taube Ohren stoßen. Wer nur dient ohne das Evangelium zu bezeugen ist seelenlos, denn es sollen ja Menschen für die Ewigkeit gerettet werden.

Laßt uns weder seelenlos noch zahnlos sein, denn Jesus hat gesagt:

Mk 10,45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Amen