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Liebe Freunde und Geschwister
Über Beziehungen haben wir schon im Gottesdienst am vergangenen
Sonntag gesprochen und möchten wir auch im heutigen Gottesdienst
noch einmal nachdenken.
Beziehungen als Grundbedürfnis Grundbestimmung aber leider
nur allzu oft auch als Grundübel.
Wege aus der Beziehungskrise:
Einander dienen - Miteinander reden - Jeder ist selber für
seine Beziehungen verantwortlich.
Ich habe den vergangenen Sonntag abgeschlossen mit einer Beispielgeschichte
von den Paralympics in Los Angeles im Jahr 1940
Die Gemeinde Jesu - Christen nicht als die immer nur siegreichen,
glänzenden, sondern auch als diejenigen, die doch manches
mal auch mit Handicaps, mit Verletzungen durchs Leben gehen.
Gerade bei den Verletzungen möchte ich noch einmal einhacken
und die Frage unserer Verletzungen und wie wir damit umgehen zum
Thema und Gegenstand der heutigen Predigt machen.
Einleitung
Verletzungen und Kränkungen - wer kennt sie nicht. Wir erleiden
sie und fügen sie anderen zu. An beidem führt in dieser
Welt kein Weg vorbei, so sehr wir uns das auch wünschen.
Man könnte versucht sein deshalb eher resignativ gestimmt
zu bleiben.
Doch das Wort Gottes ermutigt uns zur Hoffnung: Wie dir von Gott
vergeben worden ist, so kannst auch Du anderen vergeben, die an
dir schuldig geworden sind. Statt des Teufelskreis von Unrecht
und Rache, von Schuld und Sühne setzt Jesus mit seinem eigenen
Leben den Kreislauf von Versöhnung und Neuschöpfung in
Gang
Dietrich Bonhoeffer: Optimismus ist eine Kraft der Hoffnung nicht
an den Stellen wo alle hoffen, sondern die Kraft der Hoffnung wo
andere resignieren, eine Kraft,, den Kopf hochzuhalten, wenn alles
fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen,
eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern
sie für sich in Anspruch nimmt
Was ist das Wesen der Verletzungen und Kränkungen
Das Wort Kränkung enthält das Wort krank. Darin kommt
etwas vom Wesen der Krankheit zum Ausdruck. Krankheit verändert
uns. Eine körperliche Krankheit wirkt sich im ganzen Leben
aus, lähmt dämpft die Lebenslust und Freude. Sie raubt
uns die körperliche Kraft zur Aktivität, schränkt
meist auch die psychische Kraft für die Beziehungen zu den
Mitmenschen ein und bewirkt eine Rückzug auf die eigene Person.
In ihrer Tendenz ist Krankheit ein Prozess, der Leben zerstört
und letztlich den Tod herbeiführt.
Die meisten Krankheiten, die uns befallen sind aber zunächst
einmal nicht tödlich, weil in uns beim Auftreten einer Krankheit
auch Abwehr- und Heilungskräfte mobilisiert werden. Deshalb
ist es wichtig, dass wir, wenn eine Krankheit sich abzeichnet,
auf die Symptome achten und entsprechende Maßnahmen einleiten,
die den Heilungsprozess unterstützen. Unterdrücken wir
die Krankheit mit Schmerzmitteln, kann sie sich unter Umständen
im Verborgenen festsetzen und dann einen immer schwereren Verlauf
nehmen.
Wodurch werden wir verletzt? Im Wesentlichen geht es wohl darum,
dass wir nicht so geliebt, geachtet, angenommen, unterstützt
oder verstanden werden, wie wir es erwarten oder erhofft haben.
Wir werden gekränkt, wenn man uns zurückweist, an den
zweiten Platz stellt oder uns gar keinen Platz einräumt.
Die Tiefe der Wunde ist davon abhängig, wie sehr unser Selbstwertgefühl
und unser Vertrauen dadurch erschüttert werden. Menschen mit
einem hohen Selbstvertrauen, werden in der Regel weniger tief verletzt
wie Menschen mit einem hohen Selbstvertrauen.
Es kann uns schmerzen, wenn wir damit konfrontiert werden, dass
andere uns anders sehen und einschätzen als wir selbst, vielleicht
besonders, wenn wir gewahr werden, dass wir tatsächlich nicht
so sind, wie wir erscheinen möchten, nicht so groß,
stark, tüchtig, begabt...
Und dann schmerzt es uns, wenn wir uns irgendwo engagiert haben
und damit nicht zum Ziel gekommen sind, weil ein anderer uns übertroffen
hat oder weil die Hindernisse zu groß waren.
Wenn eine Kränkung entsteht, ist die Wunde vergiftet. Wir
erkennen den krankenden Prozess daran, dass an die Stelle von Schmerz,
Traurigkeit, Sehnsucht nach Trost und Heilung, Argwohn, Hass, Misstrauen
oder Neid kommen und überhand nehmen. Wir erkennen unsere
Kränkung daran, dass wir hart, kalt oder gleichgültig
werden, uns zurückziehen und den Wunsch haben, die Beziehung
zu dem Menschen, der uns gekränkt hat, abzubrechen.
Auch Rachegefühle können bei uns aufkommen, Wünsche,
den anderen oder vielleicht auch die Vielen, die mich verletzt
haben, klein zu machen, sie zu erniedrigen, ihnen den Schmerz zuzufügen,
den wir selber empfinden.
Noch einmal will ich betonen: Es ist eine Illusion zu meinen,
dass man durch das Leben kommt ohne andere zu verletzen oder selbst
verletzt zu werden.
Wer in einer Ehe lebt, verletzt und wird verletzt.
Auch in einer Familie, wo man auf so engem Raum zusammenlebt bleibt
es nicht aus, dass man aneinander schuldig wird.
Und in der Gemeinde - Ja, auch in einer Gemeinde geschehen gegenseitige
Verletzungen. Wir sind noch auf der Erde - wir sind noch nicht
im Himmel. Wir sind aus Fleisch und Blut und es kommt vor, dass
man beim aneinander vorbeigehen aneinander hängen bleibt,
sich aufkratzt oder aufscheuert.
Die entscheidende Frage besteht aber darin: Was mache ich damit
Diese Frage - die liegt mir heute schon am Herzen. Was tun wir
mit den Dingen, die uns verletzt haben. Was hast du mit ihnen
getan? Wie gehe ich heute mit den Menschen um, die mir gleichgültig
geworden sind oder gegen die ich sogar einen Groll hege?
Wie gehe ich mit den Erlebnissen um, bei denen ich zurückgesetzt
wurde, nicht gefragt wurde, nicht dabei bin?
Ich kann euch versichern, wenn wir´s nur hängen lassen,
wenn wir´s nicht zum Arzt bringen, kann es eine Wunde werden,
eine eiternde Wunde, eine hässliche Wunde.
Unser Leben kann durch Verletzungen gelähmt werden. Dass wir
wie der Kranke 38 Jahre am Teich Bethesda liegen und irgendwann
voll Verbitterung sagen: Ich habe niemand, der mir ins Wasser hilft.
Deshalb: Wie gehen wir mit Verletzungen
um?
1. Ansehen
Überwindung und Heilung der Kränkung beginnt damit,
dass wir, vielleicht mit Hilfe von anderen zu dem ursprünglichen
Schmerz zurückfinden und ihn aushalten, dass wir die schmerzende
Stelle ansehen und versuchen zu verstehen, was sie für uns
bedeutet, welche Vorstellungen wir mit ihr verknüpft haben.
Den Schmerz ansehen - so einfach ist das gar nicht, das tut weh.
Aber es ist wichtig, dass wir uns bewusst machen: Wo tut es eigentlich
weh in meinem Leben - Was ist eigentlich los. Und dazu gehört
die Einsicht: Ich will und kann das nicht hängen lassen. Wenn
ich das hängen lasse kann das für mein Leben tödlich
sein, für mein geistliches Leben tödlich sein
Die Psychologie spricht von einer notwendigen Trauerarbeit. Bedeutet
den Schmerz aushalten, vielleicht ein falsches Wunschbild von uns
aufzugeben oder Grenzen, die uns gesetzt sind anzuerkennen
2. Darüber reden
Das Gespräch unter vier Augen - oft geht es Menschen schon
allein dadurch besser, dass Dinge ausgesprochen worden sind. Eine
Wunde, sagt man braucht Luft um zu heilen. Wird sie zugedeckt,
eiterst und wuchert sie weiter. Wir müssen Luft an unsere
Wunden lassen, d.h. darüber sprechen, sie ans Licht bringen,
das setzt einen Heilungsprozess in Gang und macht es dann vielleicht
auch möglich, mit dem Menschen zu reden, durch den man verletzt
worden ist.
Ans Licht bringen - Das ist der Weg, wo alles Heil werden beginnt.
Jesus sagt von sich: er ist das Licht der Welt
3. Einander Vergeben
Der zweite Prozess ist derjenige, in die Vergebungsarbeit einzusteigen.
Das findet manchmal unter Tränen statt
- Beispiel meiner eigenen Geschichte zusammen mit Freunden -
Vom Vater unser Herr gilt die Bitte: Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern (Matth. 6)
Bei der Vergebung ist der Mensch wie ein Wasserhahn: Wenn er zugedreht
ist und nichts abgibt, dann strömt aus der Quelle nichts mehr
nach
Jesus erzählt von der Bedeutung der Vergebung im Gleichnis
vom Schalksknecht
a) Verliert es nie aus dem Auge, dass ihr selber Menschen seid,
die von Gottes Barmherzigkeit und seiner Vergebung leben. Der böse
Knecht schuldete seinem Herrn mehrere Mio. Mark. Der andere Knecht
schuldete dem bösen Knecht lediglich ein paar Mark. Jesus
hat diese Dimensionen bewusst so gegensätzlich gewählt,
weil er uns zeigen will. Unsere Schuld gegenüber Gott ist
immer ein vielfaches der Schuld anderer Menschen an mir. Wenn der
Zorn in die aufsteigt, wenn du ausrufen möchtest: Das vergebe
ich dem nie, dann erinnere dich zuerst an das eine: Du warst selber
Schuldner, du warst selbst ein hoffnungsloser Fall, du hast selbst
Barmherzigkeit erlangt.
Vers 4: Du schenkst mir täglich so viel Schuld, du Herr von
meinen Tagen; ich aber sollte nicht Geduld mit meinen Brüdern
tragen, dem nicht verzeihen, dem du vergibst, und den nicht lieben,
den du liebst?
b) Geh immer du zuerst auf den anderen zu, wenn du merkst, zwischen
mir und ihm stimmt die Beziehung nicht mehr. Auch das hat Jesus
unmissverständlich deutlich gemacht. In der Bergpredigt sagt
er: Wenn du zum Gottesdienst gehst und du merkst, dass dein Bruder
etwas gegen dich hat, dann kehre um und bringe zuerst die Sache
in Ordnung. Viele Beziehungen darben so dahin, weil einer auf den
anderen wartet und vieles könnte in Ordnung gebracht werden,
wenn wir den Mut des ersten Schrittes aufbringen würden.
c) Vergebt einander von ganzem Herzen. Was heißt das? Dem
anderen vergeben heißt: Ich entlasse ihn aus dem Vorwurf,
den ich ihm seither gemacht habe. Ich habe dem anderen nichts mehr
vorzuwerfen, ich behalte nichts zurück, was ich ihm später
einmal wieder vorrechnen könnte. Konflikte werden heute oft
so gelöst, dass man eben ein flüchtiges "Entschuldigung" anbringt.
Doch vergeben heißt mehr als eine Entschuldigung annehmen.
Vergeben heißt, ich entlasse den anderen aus dem Vorwurf,
d.h ich trete mein Recht in dieser Sache ab. Das griechische Wort
für Vergebung hat genau diese Bedeutung: Sein gutes Recht
abtreten, den anderen willentlich wieder frei geben. Wer so vergibt,
kann später nicht mehr die alten Dinge aufwärmen. In
Situationen, wo ihm das alte Unrecht wieder hoch kommt und er meint
jetzt eigentlich nochmals abrechnen zu müssen muß er
es sich selbst sagen: Ich habe mein Recht an dieser Sache aufgegeben,
ich habe ihn aus dem Vorwurf entlassen, ich kann die Kuh nicht
zweimal verkaufen. Dass man so mit sich selbst spricht ist nicht
zuletzt auch eine Willensentscheidung. Ich muß mich entscheiden,
dass ich so handeln will. Hier muß der Wille über das
Gefühl siegen.
4. Die biblische Weisung
Hebr 12,15 und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume;
dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte
und viele durch sie unrein werden;
Parallelstelle aus dem Alten Testament
5Mo 29,17 Lasst ja nicht einen Mann oder eine Frau, ein Geschlecht
oder einen Stamm unter euch sein, dessen Herz sich heute abwendet
von dem HERRN, unserm Gott, dass jemand hingehe und diene den
Götzen dieser Völker. Lasst unter euch nicht eine Wurzel
aufwachsen, die da Gift und Wermut hervorbringt.
Beschreibt die Sünde, die im kleinen anfängt, aber dazu
imstande ist, die ganze Gemeinde mitzureißen, wenn sie erst
Eingang findet. Darum ist es so bedeutsam, auf der Hut zu sein
Solche bitteren Wurzeln stört das geistige Wachstum der Gemeinde
und hungert wie eine Krebszelle, die gesunden Zellen aus
Unser Anliegen für unsere Gemeinde
Nun, ich will uns keine Wehleidigkeit unterstellen. Viele Menschen
sind gerade in einer traditionellen Gemeinde über lange Jahre
hinweg verletzt worden. Viele dieser Erfahrungen wurden real erlebt
und ich möchte uns nicht unterstellen, dass sie nicht weh
tun. Die Frage ist nur: Halten wir an den Verletzungen fest oder
möchten wir gesund von ihnen werden?
Ich möchte heute deshalb sprechen über unseren Umgang
mit Verletzungen, die wir erlebt haben
Was ist unter uns los, dass viele nur sagen: Ich komme zu kurz,
ich empfange zu wenig, ich werde geschnitten. Solange dieser Geist
unter uns herrscht, können wir als Gemeinde nach außen
nicht furchtbar aktiv werden. Solange sind wir mit uns selbst beschäftigt
und der Teufel lacht sich ins Fäustchen, weil er es durch
solche Beziehungsschwierigkeiten schafft eine Gemeinde mit mehr
als 100 Erwachsenen lahm zu legen. Ist es denn wirklich dran, da
wir untereinander beklagen: Um mich kümmert sich keiner? Ich
müsste gepflegt werden? Sind wir ein Haufe verletzter Menschen?
Dabei wollen wir nicht stehen bleiben - Das darf nicht sein
Auch ich werde an anderen schuldig
Und dann müssen wir uns auch bewusst sein, wodurch und wie
wir selbst andere kränken. Wir tun es oft, ohne es zu wollen,
unbewusst - aber das heißt eben oft gedankenlos, ohne uns
vorzustellen, wie das, was wir sagen oder tun, auf unsere Mitmenschen
wirkt.
Ach ja - als Prediger bleibe ich euch manchen Besuch schuldig.
Darunter leide ich. Bei manchem denke ich - es würde ihm gut
tun, dass ich ihn besuche. Ich bin euch schon viele Besuche schuldig
geblieben.
Mit Gottes Beistand wollen wir auch eingefrorenen oder stagnierenden
Beziehungen neu beleben
Vielleicht mit ängstlichem Herzen und zitternd, doch im Glauben,
dass uns der Segen Gottes dazu gewiss ist. |