Textwerkstatt: Ehrfurcht


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Die Ehrfurcht ist kein Gefühlzusatz zu dem fertigen, wahrgenommenen Dinge, geschweige eine bloße Distanz, die das Gefühl zwischen uns und den Dingen aufrichtet: Sie ist im Gegenteil die Haltung, in der man noch etwas hinzu wahrnimmt, das der Ehrfurchtlose nicht sieht und für das gerade er blind ist: Das Geheimnis der Dinge und die Werttiefe ihrer Existenz. Wo immer vor von der ehrfurchtlosen, z.B. der durchschnittlich wissenschaftlich erklärenden Haltung, zur ehrfürchtigen Haltung gegenüber den Dingen übergehen, da sehen wir, wie ihnen etwas hinzuwächst, was sie vorher nicht besaßen; wie etwas an ihnen sichtbar und fühlbar wird, was vorher fehlte: eben dieses "Etwas" ist ihr Geheimnis, ist ihre Werttiefe. Es sind die zarten Fäden, in denen sich jedes Ding in das Reich des Unsichtbaren hineinerstreckt.
Max Scheler (1914)
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So ein Spinntüchlein voll Regentropfen - wer macht das nach?
Christian Morgenstern (1909)
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Ehrfurcht ist Respekt mit geöffnetem Mund.
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Ehrfurcht gebietet ganz still zu sein.
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Der Kern von allen Dingen
Stets in der Stille glüht;
Allein die Dinge singen,
Recht bald schweigt unser Lied.
Und dunkel singt mein Blut,
Von Heimweh schwer durchwogen.
Ich treib auf Regenbogen
Zu Gottes stiller Flut.
Felix Timmermans (1947)
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So war der heilige Franziskus voll von taubenhafter Einfalt und mahnte alle Geschöpfe, ihren Schöpfer zu lieben; er predigte den Vögeln, und sie hörten ihm zu, ließen sich von ihm berühren und gingen erst fort, wenn er sie wieder weggeschickt hatte. Einmal zwitscherten während einer Predigt die Schwalben, aber auf seinen Befehl verstummten sie sogleich. - Bei der Portuncula saß bei seiner Zelle eine Zikade auf dem Feigenbaum und sang oft. Da streckte der Mann Gottes seine Hand aus und rief sie mit den Worten herbei: "Komm zu mir, meine Schwester Zikade!" Sie gehorchte sofort und kam auf seine Hand. Da sagte er ihr:
"Singe, meine Schwester Zikade, und lobe deinen Herrn!" Und alsbald sang sie und ging erst fort, nachdem er sie entlassen hatte.
Er rührte nicht an Lampen, Leuchter oder Kerzen, da er mit seiner Hand ihren Glanz nicht entstellen wollte. Auf Felsen ging er nur mit Ehrfurcht in Rücksicht auf den, der "Fels genannt wird. - Er las kleine Würmer vom Weg auf, damit sie nicht von den Füßen der Vorübergehenden zertreten würden, und ließ den Bienen Honig und guten Wein geben, damit sie nicht mitten in der Kälte des Winters umkämen, und nannte alle Tiere "Brüder".
Wenn er Sonne, Mond und Sterne betrachtete, erfüllte ihn die Liebe des Schöpfers mit wunderbarer und unsäglicher Freude, und er lud sie ein, den Schöpfer zu lieben.
Jacobus de Voragine (13.Jh.)
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Im Leben ist viel Wunderbares. Da habe ich oftmals das Gefühl, als müßte man ganz fromm und still dazwischen sitzen und den Atem anhalten, daß es nicht entflieht.
Paula Modersohn-Becker
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Zum Leib
Der Baalschem sprach zu seinem Leibe: "Ich wundere mich, daß du noch nicht zerbröckelt bist aus Furcht vor deinem Schöpfer."
Israel Ben Elieser (18.Jh, Buber)
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